Kongress-Report: Der Geist und die Zukunft

Die Zukunft bestimmt die Gegenwart! Diesen Satz habe ich bereits vor einigen Jahren gehört, als mir meine damalige Freundin Ohrenstöpsel mit einem Podcast von Gunther Schmidt in meine Ohrmuschel stöpselte. Ich habe ihn nicht zur Gänze verstanden. Der Kongress „Der Geist und die Zukunft“ hat mir nun geholfen, diesen Satz aus psychologischer Sicht nicht nur besser zu verstehen, sondern zur Gänze zu begreifen. Dies wird mir in meiner zukünftigen Tätigkeit sehr weiterhelfen. Doch der Kongress hatte weit mehr zu bieten als dieses Thema. Die Schlagwörter hierzu: Monkey Mind, künstliche Intelligenz, exekutive Funktionen oder neue Wörter wie „Komplexitätsphobie“

 

Was haben die Vortragenden gesagt?

Vorweg möchte ich betonen, dass es sich bei den folgenden Ausführungen um jene wesentlichste Erkenntnisse der Referentinnen und Referenten, welche auch meinem Erkenntnisniveau zum menschlichen Geist entsprechen. Natürlich sind die folgenden Erkenntnisse nicht allesabdeckend, sondern aus Gründen der Vereinfachung ausgewählt.

Dennoch bin ich der Überzeugung, dass auch du mit den von mir ausgewählten Erkenntnissen und Kernbotschaften etwas anfangen wirst können. Wer die Vorträge im Vollen nachhören möchte, kann diese auch beim Auditorium Netzwerk ordern. Ein Videoauzeichnung von meinem Vortrag zum Thema „Geist und Leistungskraft“ wurde ebenfalls per Video aufgezeichnet. 🙂

Doch nun meine Zusammenfassung mit den wesentlichsten – von mir ausgewählten – Erkenntnissen:

 

Tag 1: Systemische Zukunft des Geistes

 

Siegfried Essen: Entwicklung des menschlichen Geistes

Der äußerst erfahrene Diplompsychologe Siegfried Essen war ein passender Einstieg zum Kongress um über den menschlichen Geist zu referieren. Immerhin gab er einen sehr guten Überblick über die Entstehung und auch historische Entwicklung des Geistes. Dies hat er auf unterschiedlichen Ebenen herausgearbeitet und auch Parallelen zu anderen Kulturen – in Bezug auf das Verständnis des Geistes – geschaffen. So hat sich die Menschheit vom Simplen zum Magischen entwickelt. Später kam das Zeitalter des rationalen Denkens, welches bis heute stark in unsere Gesellschaft hineinwirkt und uns auch sehr stark, im positiven, als auch im kontraproduktiven prägt. Der nächste Entwicklungsschritt des Geistes ist folgend die Entwicklung des Geistes zur Fähigkeit systemisch zu denken. Welcher Geisteszyklus in der nächsten geistigen Epoche der Menschheit auf uns wartet wurde diskutiert und bleibt offen.

essen

Matthias Horx: Zukunftskonzepte von „Mind“

Der Zukunftsforscher schlechthin bot auf der einen Seite ein zügiges Unterhaltungsprogramm mit vielen Bilder und auf der anderen Seite zeigte er Zukunftstrends des „Mind“ auf. Der Vortrag hat mir persönlich geholfen jenes psychologische Phänomen zu begreifen, weshalb die Zukunft den Geist der Gegenwart formt. Davon habe ich bereits vor 3 Jahren durch den Hypnotherapeuten Gunther Schmidt erstmals gehört. Doch diesmal habe ich es endlich verstanden. Die Zukunft(s-Angst) bestimmt den Geist der Gegenwart.

Kongressfoto

Tag 2: Mind and Science

So lässt sich der zweite Kongress-Tag am besten zusammenfassen. Der Kongress-Samstag war stark geprägt von hochspannenden Vorträgen über topaktuelle Erkenntnisse aus der Gehirnforschung, aber auch der Forschung des Geistes. Den Anfang machte die junge Psychologie-Forschungs-Koryphäe Chandra Sripada von der University of Michigan.

 

Chandra Sripada: Monkey Mind

Superleiwaunder Typ und super-Smart! Extra eingeflogen um über seine bahnbrechenden Erkenntnisse zum „spontaneous stream of thought“. Der stream of thought reiht sich hervorragend in Daniel Kahneman´s (Nobelpreisträger) System I und System II des Denkens ein. Der stream of thought dürfte einigen Menschen (vor allem den Meditierenden) bereits bekannt sein. Doch Chandra Sripada gelingt es den stream of thought zu untersuchen und ergründet tiefergründende Wurzeln sowie auch den evolutionären Nutzen der spontanen Gedankenströme. Mind Wandering scheint also weit mehr zu sein als eine lästige Unkonzentriertheit, sondern ohne dem wäre auch geistig ein Stillstand. Humorvoll geht er auch auf den „Monkey Mind“ ein und gibt Tipps den Geist zu beruhigen.

sripada

Der superkluge Chandra Sripada ist auch noch ein sehr sympathischer Mensch, mit welchem ich mich in den Pausen näher austauschen konnte. Später beim Bier tauschten wir uns auch noch über die Tiefen vom menschlichen Geist und unveröffentlichte – sehr spannende – Inhalte aus.

Kings of psychology
New kings of psychology? Rechts: Chandra Sripada (USA) & links: Mario Schuster

 

Silvia Kober: Gedankenlesen

Ein junges Neuro-Forschungs-Talent aus Österreich. Im Vortrag ging es in erster Linie um die Frage „Wie messbar ist der Geist“ und entsprechend gängigen Messverfahren. An der Uni Graz erforscht Sie unter Anderem maschinelles Auslesen von Gedanken. Das maschinelle Gedankenlesen geht so weit, dass der Computer folgend sogar jene Bilder reproduzieren kann, welches sich die Testperson gerade bildlich vorstellt (oder sieht).

Was nach TOTAL RECALL mit Arnold Schwarzenegger oder Matrix klingt, ist jedoch (aktuell noch) weniger bedenklich als vielleicht in manchen Mainstream-Medien kolportiert. Denn für das maschinelle Gedankenlesen benötigt es auch zunächst eine stunden- bis tagelangen Analyse und Synchronisation von Gehirnwellen und gezeigten Symbolen „unter der Röhre“. Dank der Neuroplastizität des Gehirns, können die mühsam gesammelten und synchronisierten Daten nach einigen Tagen nicht mehr zuverlässig verwendet werden. Also solange kein superstarker Mega-Algorithmus kommt, welcher Störungen der Gehirnwellen ausdifferenziert, können wir getrost darauf vertrauen, dass die Gedankenpolizei nur ein reines Fantasieprodukt bleibt.

 

Reinhold Popp: Kann künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln?

Ein Zukunftsforscher mit Format und einem außerordentlichen Sinn für Humor, welcher für viele Lacher sorgt, ohne ins Lächerliche zu ziehen. Ein Schwerpunkt seines Vortrages mündete im Thema künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Robotisierung. Was dies für die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt bedeutet wurde folgend im Plenum umfangreich diskutiert. Für diese Diskussion hätten wir mehr Zeit gebraucht. Ein Satz welcher zu denken geben sollte:

„Angst besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt“

 

Saamdu Chetri: Brutto-Glücks-Produkt (in Bhutan)

Hast du schon gewusst, dass der König von Bhutan vor einigen Jahren das BIP (Bruttoinlandsprodukt) als Staatsziel abgeschafft hat?

Das Neue Staatsziel ist „Happiness“ der Menschen in Bhutan. Eine Demokratisierung und Partizipation der Basis soll bewirken, dass Arbeit sinnstiftend ist, und auch die Wirtschaft dem Menschen dient und nicht umgekehrt. Saamdu Chetri weihte uns in die Beweggründe des Königs und die bisher erzielten Fortschritt ein. Zudem argumentierte er umfangreich, weshalb Happiness als Staatsziel auch in anderen Staaten – wie auch Österreich – ein zivilisatorischer Fortschritt wäre.

 

Joachim Bauer: Genregulierung und Gehirn

Mein persönlicher Highlight an diesem Kongress. Viele Bücher von JB habe ich gelesen, weshalb er auch einen Einfluss auf mein Verständnis der Zusammenhänge zwischen Körper und Geist auf physiologischer, sozialer als auch genetischer Ebene hat. Der Vortrag war schlüssig und rundete mein Verständnis der Biopsychologie ab. Auch hier war viel Neues bei mir dabei, vor allem in Bezug auf die sogenannte Genregulation: Unser soziales Umfeld hat einen Einfluss auf unsere Psyche, aber auch auf unsere Gene.

 

Matthias Varga von Kibed: Aspekte systemischen Coachings

Aus hier nicht näher genannten Gründen konnte Matthias Varga von Kibed nicht persönlich anwesend sein. Doch dank einer Kommunikationstechnologie namens Skype bereicherte den Abend des zweiten Kongresstages mit hochkomplexen Einblicken in die Problematik des Coachings, aber auch Psychotherapie. So geht er in seiner Key-Note darauf ein, welche negativen Auswirkungen es haben kann, wenn der Coach/Therapeut zwar neutral ist, aber infolge der Neutralität den Patienten/Coachee als Objekt seines Handelns betrachtet. Dabei zeigt er die Schwierigkeit auf: Ein Coach/Therapeut muss in der Lage sein ein ambivalentes Spannungsfeld zwischen neutraler Haltung und subjektiv-humanitärer Begegnung aufzubauen und zu halten. Es ist schwierig ihm zu folgen, doch wem dies gelingt, wird vieles klar.

 

Tag 3: Geist und Leistungskraft

 

Michael Lehofer: Der Geist und die Liebe

Ein sehr herzlicher Vortrag zur Bedeutung der Liebe für den menschlichen Geist. Michael Lehofer gelingt es das Publikum mit leiser und liebevoller Stimme in seinen Bann zu ziehen, bevor diese konzentrierte Stille gegen Ende durch Standing Ovations beendet wurde. Doch vor dem Ende schaffte er den Spagat das Thema zwischen Poesie und Wissenschaft zu spannen und berührte das Publikum tief. Tiefgreifend liebevoll Liebe zu geben.

 

Haim Omer: Geist und Haltung in der Erziehung

Diesen Vortragenden habe ich leider nicht gehört, da ich mich zu diesem Zeitpunkt in den Referentenraum zurückgezogen hatte um meine Nervosität zu bändigen und meine Mitte zu finden.

 

Mario Schuster: Geist und Leistungskraft

Für mich persönlich ein besonderer und ehrvoller Moment, als mein Name aufgerufen wurde mit der Bitte auf die Bühne zu kommen. Meinen Rückzug hatte ich zunächst genutzt um mich wie ein Spitzensportler mental auf diesen Moment vorzubereiten. Und es hat sich gelohnt. Vor meinem Auftritt hatte ich die innere Ruhe eines Buddha und startete den Vortrag im FLOW. Eine Stunde hat mein Vortrag incl. Diskussion gedauert. Doch es kam mir vor wie 10 Minuten.

Nach einem erzählerischen Einstieg in das Thema durch emotionale und beeindruckende Beispiele aus dem wahren Leben wurde ich von Folie zu Folie wissenschaftlicher. Meine Schwerpunkte waren es hierbei die Synergien zwischen Geist und sportlicher Leistung sowie der autonomen Reserve des menschlichen Körpers herauszuarbeiten. Gegen Ende präsentierte ich noch hochaktuelle Themen der Sportpsychologie der Zukunft. Allem voran die Bedeutung der exekutiven Funktionen und praktischen Umsetzungsmöglichkeiten, diese in den Trainingsalltag zu integrieren. Besonderer Fokus der Diskussion lag in der Fragestellung: Welche Rolle spielt „magisches Denken“ in der Sportpsychologie.

Ein Videoaufzeichnung des Vortages und Antworten zu den Diskussionsfragen habe ich übrigens. Diese werde ich demnächst veröffentlichen. Bis dahin kannst du dich ja im Newsletter eintragen.

 

Philip Streit: Psychotherapie und Zukunft

Der Akademieleiter Dr. Philip Streit glänzte nicht nur fachlich, sondern auch mit seinem ausgeprägten Sinn für Humor. Er erzählte anonymisiert aus seiner Praxis und den Erfolgserlebnis seiner psychotherapeutischen Tätigkeit. Dabei arbeitete er vor allem die Rolle der Zukunft als wesentlichen Gestaltungsspielraum heraus.

 

Gunther Schmidt: Die konstruktive Macht des Unbewussten

Der angesehene Top-Hypnotherapeut und Schüler von Milton Erickson (Erfinder Hypnotherapie) redete sich rasch in einen hochkomplexen Redeflow in der Welt des Bewussten und dazwischen. Dazwischen ist das nicht sichtbare Unbewusste. Deshalb ist es ja auch unbewusst und nicht bewusst. Seinen Vortrag zusammenzufassen fällt hier schwer, vor allem, da es ihm gelang in seinen 90 Minuten Redezeit die Vielzahl seiner Erkenntnisse runterzubrechen. Hochspannend waren jedenfalls seine detaillierten Beschreibungen wie er es auch schafft, Menschen mit Anorexie geistig zu begegnen um ihnen den Weg zur Gesundheit zurückzuführen. Dies schafft er, ohne die Patientinnen ihr ultimatives Verlangen zu entreißen. Mentale Win-Win-Situationen in ausweglosen Situationen zu schaffen: Dazu muss man schon Gunther Schmidt heißen!

Im Übrigen habe ich aus seinem Vortrag ein neues Lieblingswort mitgenommen: Komplexitätsphobie! Denn daran scheinen noch viel zu viele Menschen zu leiden – mit all ihren gesellschaftlichen Konsequenzen.

 

Fazit

Der Besuch des Kongresses „Der Geist und die Zukunft“, organisiert von der AKJF (Akademie für Kind, Jugend und Familie), war zwar stellenweise mental herausfordernd (z.B. Tag 2: Fachvorträge von 9 Uhr morgens bis 20 Uhr) doch gleichzeitig sehr bereichernd. Der Kongress war mit ausgewählten Top-Vortragenden bestückt, wodurch auch die Vortragenden selbst sehr viel mitnehmen konnten. Persönlich gefreut haben mich die wertschätzenden Worte von Gunther Schmidt und Joachim Bauer (wessen Bücher mich auch fachlich beeinflusst haben), welchen mein Vortrag zum Thema Geist und Leistungskraft auch gut gefallen hat. Eines kann ich auch jetzt schon sagen: Der Besuch des Kongresses ist für alle, auch erfahrenen Psychologen, eine Bereicherung. Und ich selbst weiß auch, ich bin ready für die große Bühne!

Und ein Buch sollte ich auch endlich schreiben! 😀

 

Kongressteam und Referenten

 

 

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Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

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