Wie leistungsorientierte SportlerInnen und Teams am eigenen Druck scheitern!

Spielt der Selbstwert eine Rolle beim Siegen? Gemäß dem Dogma „Im Leistungssport herrscht die Dualität von Sieg vs. Niederlage“ sollte man meinen, dass sich alle AthletInnen stets höchste Ziele setzen und auch IMMER gewinnen wollen. Sollte man meinen, doch setzen sich AthletInnen und Teams immerzu den Sieg als das absolute Wettkampfziel? Wie sich SportlerInnen vor einem Wettkampf ihre Ziele setzen, hängt unter anderem vom Selbstwert und von der wahrgenommenen Bedrohung ab. Und die Art und Weise wie Ziele gestzt und wahrgenommen werden, beeinflussen schließlich den erlebten Leistungsdruck.

 

Haben SportlerInnen stets eine Siegesabsicht?

Was geht in den Köpfen von SportlerInnen vor, wenn diese mit Ihrer Mannschaft auf ein wesentlich stärkeres und favorisiertes Team treffen? Gehen die Teams dann stets mit der Absicht zu gewinnen in das Spiel oder resignieren einzelne Teammitglieder schon im Vorfeld, da sich die Anstrengung ja ohnehin nicht lohnen würde, frei nach dem Motto: „Wenn wir glauben heute gegen die zu gewinnen, dann sind wir am Ende sowieso nur enttäuscht„.

Auch wenn man glauben sollte, dass die SportlerInnen stets mit einer Siegesabsicht (In einem Interview würden sie wahrscheinlich sagen: „Natürlich wollten wir gewinnen!“) in das Spiel gehen, hängt die tatsächliche Zielsetzung unter Anderem auch vom individuellen Selbstwert ab. So neigen SpielerInnen mit einem starken Selbstwert dazu, das Maximum aus dem Spiel herauszuholen, während Spieler mit einem geringeren Selbstwert eher dazu neigen, sich ihre Ziele so zu setzen, dass Sie am Ende des Spiels auch bei einer Niederlage nicht enttäuscht sein können, frei nach dem Motto: „Wenn ich fehlerfrei spiele, dann bin ich erfolgreich!“

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Die „Bedrohung“ des Selbstwerts

Doch mal angenommen der Selbstwert scheint bedroht zu sein, z.B. über die Aussage „unter Druck versagst du sowieso!“ oder „Gegen diesen Verteidiger kommst DU garantiert nicht an!„. Der Mensch neigt dazu seinen Selbstwert zu schützen sobald dieser bedroht (engl. „ego-threat“) zu sein scheint. Dieser subjektiv erlebte Druck (im Sinne einer Selbstwertbedrohung) beeinflusst auch das Wählen und Setzen von kurzfristigen Zielen.

Stell dir vor, dein Selbstwert wäre dieses Ei. :o
Stell dir vor, dein Selbstwert wäre dieses Ei. 😮

Wenn es nun dem Selbstwert dienlich ist sich Ziele höher zu setzen um den Selbstwert zu schützen, dann neigen Menschen im Allgemeinen auch dazu sich sehr riskante Ziele zu setzen und folgend zu Scheitern – der Misserfolg wird dabei als das Erreichen/Nichterreichen des erwünschten Ergebnisses betrachtet [1]. Erinnerst du dich an die Sätze vom FB-Nationalteam nach der EM 2016? Auf den Pressekonferenzen hieß es: „Wir sind am Druck gescheitert!“ UND „Wir haben den mentalen Aspekt in der Vorbereitung vernachlässigt!

 

 

 

 

Die „Überheblichkeitsfalle“

basketball-block-pixabay

Menschen mit einem sehr hohen Selbstwert laufen unter Druck der Gefahr entgegen, ihre eigenen Fähigkeiten und das mögliche Erfolgsausmaß im Sinne einer „positiven Illusion“ zu überschätzen. Diese Form der fehlerhaften Selbsteinschätzung kann dazu führen, dass AthletInnen davon überzeugt sind, sich dank ihrer „überlegenen Fähigkeiten“ auch ohne Anstrengung im Wettkampf durchzusetzen. Dies nenne ich einfach die „Überheblichkeitsfalle“ und führt lt. dem deutschen Sportpsychologen Lothar Linz [2] zu „Faulheit“. Aus diesem Grund ist die Erarbeitung eines realistischen Selbstbildes durchaus sinnvoll.

 

Die „Selbstwertfalle“

Menschen mit einem geringeren Selbstwert (auch bei einer Bedrohung des Selbstwertes) neigen zu einer eher bescheidenen Zielsetzung: Sie wählen Ihre Ziele zu vorsichtig, zu konservativ und zu defensiv aus – dadurch kann dann deren „Erfolg“ auch sinnlos erscheinen. Ein Anstieg des bereits geringen Selbstwerts bleibt aus und dein ohnehin geringer Selbstwert scheint sich weit unten zu festigen. Diese AthletInnen nehmen zwar weniger Druck wahr, entwickeln sich aber auch weniger weiter – und sind in der Regel auch weniger erfolgreich.

Ein hoher Selbstwert hat jedoch nicht automatisch zur Folge, dass du dir deine Ziele richtig setzt und dich langfristig optimal entwickelst. Im Allgemeinen setzen sich Menschen mit hohem Selbstwert auch höhere und (zunächst) realistischere Ziele und werden dadurch in der Regel dadurch auch leistungsfähiger. Doch sobald eine Wettkampfsituation eintritt, bei welchem der Selbstwert bedroht zu sein scheint, beginnt sich der Athlet zu überschätzen und geht Risiken ein, welche weit über seinen Fähigkeiten liegen. Der Druck bei diesem AthletInnentyp ist jedenfalls wesentlich höher angesiedelt.

Als Beispiel fällt mir dazu spontan ein, dass ein Basketballspieler bei einem Rückstand plötzlich damit beginnt, entgegen taktischer Anweisungen, versucht „das Spiel mit einer 3-Punkteserie umzudrehen„. Es kann zwar schon mal gut gehen, doch in der Regel führt dieses „übertriebene Risiko“ gegen einen defensiv starken Gegner nur zu noch mehr Frustration und im schlimmsten Fall zu einem Selbstwert-Fallout und zur Resignation. „Spiel-irrelevante Aggression“ am Spielfeld ist nur eine von vielen möglichen Folgen. Der Druck ist hier deutlich zu hoch und führt zu einem eher destruktiven Spielverhalten.

Ein zu hohes und verfehltes Ziel hat nicht nur Frustration zur Folge, sondern führt auch zur Abnahme von Willenskraft und des Selbstwertes. Die Konsequenz ist eine Reduktion der sportlichen Leistungsfähigkeit. Langfristig kann dies zu einer Anpassung der Leistungsfähigkeit und Zielsetzung an den herabgesetzten Selbstwert führen. Manche Trainer könnten dazu sagen: „Die Spieler sind am Boden angekommen!

Paradoxerweise sind es ausgerechnet SpielerInnen mit einem hohen Selbstwert, welche sich von einer Selbstwertbedrohung („ich erreiche mein persönliches Spielziel nicht„) oder selbstwertbezogenen Provokation („jemand wie du, kann mit diesem Druck nicht umgehen!“) am stärksten beeinflussen lassen. Sie wollen sich eben BEWEISEN und gerade dadurch ist der Misserfolg vorprogrammiert.

 

„Step by Step“ zum Erfolg

Auf Grundlage dieser psychologischen Mechanismen ist es auch nicht verwunderlich, dass Menschen mit einem geringeren Selbstwert langfristig auch durchaus erfolgreich und leistungsfähig werden (können), da sie sich von der Selbstwertbedrohung schwieriger beeinflussen lassen. Dadurch setzen sie sich die Ziele realistischer und können sich „step by step“ verbessern. Über die Jahre kann dies nicht nur zu einer Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit führen, sondern auch den Selbstwert systematisch steigern. Durch den „Kraftakt“ sich auch bei Schwierigkeiten und Hürden zu verbessern, steigert auch die psychologisch äußerst wirksame Selbstwirksamkeit – also dem Glauben, Herausforderungen über seine eigenen Fähigkeiten zu meistern.

Welche Strecke entspricht deinen Fähigkeiten?
Welche Strecke entspricht deinen Fähigkeiten?

Die Bedrohung abwehren

Eine zukunftsfähige mentale Fähigkeit um mit Druck-Situationen im Sport konstruktiv umzugehen ist sicher auch die Fähigkeit zu self-compassion [3, 4]. Einen allgemeinen und einführenden Beitrag dazu habe ich bereits verfasst.

 

Meine Tipps um dich vor der „Selbstwertfalle“ zu schützen:

  1. Arbeite an deinem Selbstwert, als auch deiner Fähigkeit zu self-compassion. Positive Psychologen oder gut ausgebildete Mentaltrainer können dir dabei helfen.
  2. Werde dir deiner Fähigkeiten bewusst: Deine Kenntnis über deine tatsächlichen Fähigkeiten (z.B. sportlich, athletisch, taktisch, mental) schützen dich vor Selbst-Überschätzung und vor einer unrealistischen Zielsetzung.
  3. Hast du bereits dein Druck-Muster analyisert? Falls nein, auch hier können dir Sportpsychologen helfen.
  4. Plane deine Entwicklung langfristig und setze dir deine Ziele „step by step“ im Rahmen deiner aktuellen Fähigkeiten.
  5. Wichtig für die TrainerInnen des Teams/der SpielerInnen: ein falsch-negatives Feedback bei einer für den Spieler (subjektiv erlebten) starken Leistung wirkt sich fatal auf eine realistische Zielsetzung aus. Der Spieler riskiert mehr um den Trainererwartungen gerecht zu werden und macht folgend „noch mehr falsch“. Das Einhalten von Feedbackregeln ist hier für den Trainer ganz wichtig!
  6. Angst spielt sich im Kopf ab – und die mentale Reaktion auf die Bedrohung ist auch stets subjektiv. Die Entwicklung der entsprechenden mentalen Kompetenzen kann dir dabei helfen mit diesen subjektiven Bedrohungen besser umzugehen oder gar nicht mehr als Bedrohung zu erleben. Auch hier kann dir ein gut ausgebildeter Mentaltrainer weiterhelfen. 😉

 

Autor: Mario Schuster

 

Verwendete Literatur:

[1] Baumeister, R., Heatherton, T. & Tice, D. (1993). When ego threats lead to self-regulation failure: Negative consequences of high self-esteem. Journal Of Personality And Social Psychology, 64(1), 141-156.

[2] Linz, L. (2014). Erfolgreiches Teamcoaching. Aachen: Meyer & Meyer.

[3] Neff, K. (2003). The Development and Validation of a Scale to Measure Self-Compassion. Self And Identity, 2(3), 223-250.

[4] Neff, K., Hsieh, Y. & Dejitterat, K. (2005). Self-compassion, Achievement Goals, and Coping with Academic Failure. Self And Identity, 4(3), 263-287.

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Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

4 Gedanken zu „Wie leistungsorientierte SportlerInnen und Teams am eigenen Druck scheitern!

  • 15. November 2016 um 16:14
    Permalink

    Danke für den Beitrag Mario.

    Wie man bei diesem Spiel wieder gesehen hat, gibt es meiner Meinung nach auf der mentalen Ebenen noch viel am Team zu verbessern. Wenn das Team ein Gegentor kassiert, dauert es sehr lange bis sie den Schock verdaut haben und wieder in das lockere Spiel finden. Erst ganz zum Schluss, wie es eigentlich schon zu spät war, hat man wieder Schwung ins Spiel gebracht. Hier sollte man mit mentalen Trainingsmethoden ansetzen. Ziel muss sein, dass man innerhalb kürzester Zeit wieder locker spielt.

    LG Mike

    Antwort
    • 15. November 2016 um 16:23
      Permalink

      Lieber Mike,

      danke für dein Feedback. Der mentale Bereich wird leider noch in sehr vielen Sportarten vernachlässigt. Um international bestehen zu können, muss man einfach in allen Aspekt top vorbereitet sein. Gerade der Umgang mit Fehlern und Rückschlägen ist auch ein Bereich an dem man proaktiv arbeiten kann. Die Frage ist auch stets, inwiesehr SpielerInnen auch bereit sind mit ihren Mentaltrainern zu arbeiten.

      liebe Grüße und Besuch den Blog mal wieder. 🙂

      Mario

      Antwort
  • 6. November 2016 um 20:51
    Permalink

    Finde den Artikel wirklich gut Mario! Echt toll, dass du den Schritt gewagt hast!

    Antwort
    • 6. November 2016 um 20:53
      Permalink

      Vielen Dank lieber Simon. Eine Beurteilung des Artikels durch einen Psychologieexperten wie dich motiviert mich auch weiterzumachen. 🙂

      Antwort

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