Der Ursprung unserer Moral – und wie sich das Miteinander lohnt!

Die Anschläge in Paris am 13. November 2015 hielten die Welt viele Tage lang in Atem. Eine schwere, schreckliche Tat – Unschuldige zu töten, ihnen deren Leben auszulöschen, in dem Moment als die Opfer nichtsahnend einem Konzert im Bataclan lauschten und vielleicht sogar liebend Hand in Hand nebeneinander standen. Die Solidarität mit den Opfern und Frankreich als Nation war grenzenlos und die Wiedergeburt des Terrors wurde medial getauft. Doch wie legitimieren die Attentäter ihre Taten? Sind sie Psychopathen ohne Gewissen oder sind sie moralisch erblindet? Letztere Frage ist auch das Thema dieses Blogbeitrags.

 

Die Tage nach dem Terror im Zeichen der Solidarität

Sind Bomben die Lösung gegen Bomben?
Sind Bomben die Lösung gegen Bomben? Oder nur eine Rechtfertigung (angeblicher) moralischer Überlegenheit?

Die Ereignisse überschlagen sich: Medien berichteten tagelang im Liveticker von den aktuellsten News zu den Opfern, zu möglichen Tätern, zu bevorstehenden schwer bewaffneten Razzien und von weiteren möglichen Anschlagszielen, in Frankreich, Europa und der ganzen Welt. Diese im Minutentakt einlangenden Eilmeldungen verstärkten die Welle der Angst so sehr, dass es zum dominanten medialen und wirtshäuslichen Thema wurde. Vor allem auf Facebook waren die Profilfotos eines erheblichen Anteils an Usern auf Blau-Weiß-Rot gestellt um deren Solidarität mit Frankreich und den Anschlagsopfern zu bekunden. Doch wo blieben die Facebook-profilfoto-nationalflaggen-wasserzeichen nach den zeitnahen Anschlägen in Syrien, Lybien, Pakistan oder Afghanistan? Länder, in denen Massentötungen und Anschläge an der Tagesordnung stehen? Was macht den Terroranschlag in Paris schrecklicher als die Anschläge oder Flieger-Bomben in anderen Ländern? Sind die Menschen in Europa mehr wert? Wo ist unser Gewissen, wenn schreckliches in anderen Teilen der Welt geschieht?

 

 

Die moralische Intensität als Kompass des Gewissens

Die Sozialpsychologie lehrt uns, dass die moralische Intensität (ist als „Moralkraft“ zu verstehen) wesentlich für ethische (bzw. moralische) Entscheidungen, als auch für ethisches Verhalten ist. Die moralische Intensität ist auch entscheidend dafür, dass Menschen für GLEICHE Entscheidungen und Handlungen ein unterschiedliches Gewissen haben. Doch was ist nun diese moralische Intensität, welche einen so entscheiden Unterschied in moralischen Entscheidungen haben?

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Wie die Grafik zeigt, bestehen sechs verschiedene unabhängige Faktoren, welche die moralische Intensität (ist als „Moralkraft“ zu verstehen) beeinflussen. Und die moralische Intensität wiederum beeinflusst die Wahrnehmung einer moralischen Situation, das moralische Urteil, eine moralische Entscheidung und das moralische Handeln. Die sechs Moraleinflüsse werde ich folgend anhand von Beispielen erörtern:

 

1)    sozialer Konsens

Werte, Normen und moralische Standards sind unter anderem auch Gruppen- und Gesellschaftsabhängig. So wird der private Waffenbesitz in den USA eher befürwortet. In Österreich hingegen ist der private Waffenbesitz zwar legal, aber eher verpönt. Bei uns sieht man den Waffenbesitz eher als Gefahr für die Anderen als zum „Selbstschutz“.

Das Auseinanderdriften der moralischen Standards nach den Flüchtlingsströmen und der entsprechenden medialen Berichterstattung hat in unserer Gesellschaft zu einer Polarisierung innerhalb der Bevölkerungsgruppen geführt. Wo ist nun unser sozialer Konsens?

 

2)    Wahrscheinlichkeit das die Konsequenz eintritt

Eine Konsequenz kann hierbei ein Nutzen bzw. ein Schaden sein. Ein Ferrari gilt z.B. als ein äußerst schnelles Verkehrsmittel, bei welchem ein Unfall bei zu hohem Tempo schwerwiegende Verletzungen (z.B. Querschnittslähmungen) oder den Tod bei sich selbst oder anderen nach sich ziehen kann. Doch das Ereignis muss nicht eintreten. Die Schadenswahrscheinlichkeit hängt hier unter anderem von den Fähigkeiten, aber auch von der Risikobereitschaft des Fahrers ab. Die Ethik kommt bei Fahrzeugen insofern ins Spiel, wenn ein Fahrzeug auf Straßenverkehrstauglichkeit geprüft wird.

Bei all den Ängsten, welche die Medien infolge einzelner Anschläge verstärkt, sollte man sich die Frage stellen, wie wahrscheinlich die angedrohten Ereignisse tatsächlich eintreten. Nun nimm dir deinen Taschenrechner zur Hand, denn die Prüfungsfrage könnte lauten: Wie wahrscheinlich ist es, dass ich in den nächsten 365 Tagen Opfer eines Terroranschlages werde. So als Hinweis: Allein die EU hat derzeit ca. 510 Millionen Einwohner. (Dieses Rechenbeispiel soll natürlich nicht die Tragik des Einzelfalls mindern, sondern verdeutlichen wie massiv verzerrt unsere Befürchtungen sind)

 

3)    Schwere der Folgen

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Ein Manager soll mehrere Mitarbeiter entlassen um auf der Karriereleiter hochzuklettern zu dürfen und um eine fette Prämie (mit dem er sich einen Sportwagen kauft) einzustreifen. Die Schwere der Folgen sind dabei, ob die Mitarbeiter ohnehin rasch wieder einen Job finden (geringe Konsequenz), oder schließlich ihre vierköpfige Familie nicht mehr ernähren (große Konsequenz) können.

 

4)    Zeitlich unmittelbares Eintreten der Konsequenz

Angenommen ein Spitzensportler (z.B. Marathonläufer) auf Olympianiveau trainiert nach einem speziellen Trainingsprogramm, welches ihm sein Trainerteam für die bevorstehenden Olympischen Spiele zusammengestellt hat. Das Trainingsprogramm bringt jedoch nachhaltige und nicht reversible gesundheitliche Schäden mit sich. Der Olympionik trainiert dabei so hart, dass derart massive Knorpelschäden in seinem (bereits vorgeschädigten Knie) zu erwarten sind, dass er letztlich ein künstliches Kniegelenk benötigen wird. Hierbei stellt sich die Frage, ob er das künstliche Kniegelenk erst in 3 Jahren oder erst in 20 Jahren benötigen wird.

Bekannte Beispiele aus dem Leistungssport gibt es auch, in dem Spitzensportler (an dieser Stelle möchte ich definitiv KEINE Pauschalaussage oder Namen zum Dopingverhalten im Hochleistungssport treffen) wissentlich auf herzmuskelschädigende Dopingmittel zurückgreifen, in dem Wissen, dass ein Herzinfarkt bereits in jungen Jahren sehr wahrscheinlich ist.

 

5) Konzentration der Wirkung

Die Konzentration der Wirkung bezieht sich eher auf die Verteilung eines Schadens oder Nutzens. Einfaches Beispiel: Stellen Sie sich vor, ihr Vorgesetzter bekommt vom Vorstand ein Prämienbudget (z.B. € 20.000,-), welches er „nach eigenem Ermessen“ auf seine 19 MitarbeiterInnen verteilen darf.

Der Vorgesetzte A nimmt das Geld und teilt es an alle MitarbeiterInnen, ihm eingeschlossen, auf – jeder erhält € 1000,-.

Der Vorgesetzte B hingegen entscheidet sich dafür, jedem seiner 19 Mitarbeiter € 100 Euro zu geben. Für sich selbst schüttet er sich eine Prämie von € 18.100,- aus.

Die Konzentration bei Variante A und B ist verschieden, obwohl die Summe des Geldbetrags in beiden Fällen gleich hoch ist.

Wie moralisch handeln nun der Vorgesetzte A bzw. B?

 

6) Physische und Psychische Nähe

Beim sechsten der sechs Moralfaktoren möchte ich den Bezug zum Anfangsbeispiel wiederherstellen. Das Auftreten eines „Gewissens“, moralischen Urteilen, moralischen Entscheidungen, sowie moralischen Verhaltens hängt auch von der physischen und psychischen Nähe zur geschädigten (oder gewinnenden) Person ab. So macht es einen Unterschied, ob in der Beurteilung einer „moralischen Übertretung“ ob sie Nähe und Zugehörigkeit zu den Opfern verspüren.

soldaten-pixabay2Dem Soldaten fällt es scheinbar leicht auf den Abzug zu drücken, wenn ihm das Opfer fremd ist. Umso schwerer wird es selbigen Militaristen fallen, wenn selbiger sein Ziel im Visier sehr gut kennt. Die Tat der Tötung oder Verletzung ist die selbe, doch wird sie unterschiedlich gewichtet. Das Gewissen des Soldaten wird auch nach einer militärischen Tötung aktiviert, wenn dieser NACH der Tötung die Familie oder Identität des Kriegsopfers erfährt. Hier schafft Identität die Nähe!

Nach dem selbigen Mechanismus fällt es uns leichter einen moralischen Aufschrei zu machen, wenn in Paris oder Madrid eine Bombe hochgeht. Wir fühlen uns den Opfern räumlich als auch kulturell näher. Die Tat ist und bleibt die selbe – doch wie steht es mit unserer Moral (-ischen Intensität), wenn deutsche, amerikanische, russische, chinesische oder französische Bomben in Syrien auf Muslime (mit Familien) und dort lebende Zivilisten fallen? In Kriegen, wo täglich mehr Menschen sterben als in Terroranschlägen (Anm.: Es wäre beides moralisch zu verurteilen) – um das Bedürfnis nach Vergeltung zu stillen. Der Sieg im Krieg gegen den Terror lässt viele jubeln, die Moral hingegen schrumpfen. Die Facebookprofilfotos bleiben auf Glamour und die Pfeife der moralischen Intensität stumm!

 

Verbundenheit statt Spaltung

Wie wir sehen hängt moralisches Verhalten nicht nur von unseren Werten (z.B. dass eine Tötung höchst unethisch ist) ab. Umso wichtiger ist die die Nähe und Verbundenheit zu anderen Menschen. Egal ob unser Nachbar oder unser Seelenverwandter auf einem anderen Kontinent. Doch wir werden niemals wissen, welch Mensch hinter der Anonymität der globalen Medialität steckt, solange wir mit zweierlei Maß messen und uns nicht selbst ein Bild „vor Ort“ machen. Thematisch passend möchte ich zum Abschluss zitieren:

„Ihr führt Krieg? Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn? So nehmt doch die Grenzsteine weg – so habt ihr keinen Nachbarn mehr. Aber ihr wollt den Krieg und deshalb erst setztet ihr die Grenzsteine.“ (Friedrich Nietzsche, Deutscher Philosoph)

Schaffen wir eine bunte Welt des Miteinanders!
Schaffen wir eine bunte Welt des Miteinanders!

Autor: Mario Schuster

Verwendete Literatur

  • Jones, T. M. (1991). Ethical decision making by individuals in organizations: An issue-contingent model. The Academy of Management Review, 16(2), 366-395.
  • Rest, J. R. (1986). Moral development: Advances in research and theory. New York: Praeger.
  • Trevino, L. K. (1986). Ethical decision making in organizations: A person-situation interactionist model. Academy of Management Review, 11, 601-617.
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Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

2 Gedanken zu „Der Ursprung unserer Moral – und wie sich das Miteinander lohnt!

  • 13. November 2016 um 16:43
    Permalink

    Danke lieber Simon. Ich bedanke mich bei dir für deine treue Leserschaft! 🙂

    Antwort
  • 13. November 2016 um 16:42
    Permalink

    Gefällt mir ausgesprochen gut Mario! Freue mich auf weitere Artikel!

    Antwort

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