Materialismus: Was ist das aus psychologischer Sicht?

Was ist Materialismus? Unsere Gesellschaft – großteils die Menschheit – lebt in einem Zeitalter des Wohlstandes, in welchem Güter im Überfluss zur Verfügung stehen. Materialismus setzt sich aus psychologischer Sicht mit wissenschaftlichen Fakten zu Lebenseinstellungen und deren Auswirkungen auseinander. Dahingehend soll dieser Artikel zur Selbstreflexion deiner eigenen Lebensweise anregen. Dazu zählt auch die Reflexion deiner Abhängigkeit bzgl. deiner Identifikation mit dem Materialismus – also dem Erwerb und Besitz materieller Güter als Lebensphilosophie.

Was versteht man unter psychologischem Materialismus?

Materialismus vs Idealismus

Der Begriff des Materialismus hat je nach Fachrichtung eine andere Definition doch läuft häufig auf das Ähnliche hinaus. Während der physikalische Materialismus von einer rein auf Materie basierenden Weltkonstruktion ausgeht, geht der philosophische Materialismus so weit, dass sogar unser Bewusstsein, unsere Gedanken, unsere Emotionen und unsere Gefühle auf Materie aufgebaut sind. Ein rein materielles Universum eben – in welchem unser Bewusstsein „nur“ ein Produkt chemischer Reaktionen im Gehirn in Wechselwirkung mit der Umwelt ist. Der Gegenspieler dieses „harten“ Weltbildes ist der Idealismus, welcher von einer rein geistigen Welt ausgeht – ist Materie also nur ein Produkt unseres Bewusstseins?

Über diese beiden gegensätzlichen Anschauungen unserer existentiellen Weltkonstruktion habe ich schon des Öfteren hochspannende Cafehaus-, Urlaubs- oder Lagerfeurdiskussionen mit Freunden (also immer in entspannter und gemütlicher Atmosphäre) geführt. Und die Überzeugung in der jeweils entgegengesetzen Weltanschauung führten häufig zum Schluss, dass beide Anschauungen real zu sein scheinen. Dualismus?

Doch die Frage mit der wir uns hier beschäftigen ist der Materialismus aus Sicht der Psychologie. Eine vereinfachte Definition von diesem lautet:

Der Erwerb und Besitz von Eigentum wird als wichtig erachtet und die Anschaffung von Eigentum als notwendiges Mittel zur Erreichung von Lebenszielen.[1,2]

Im Speziellen sprechen wir hier von Materialismus als psychologische Orientierung [1]. Und diese kann unterschiedlich hoch bzw. niedrig ausgeprägt sein. Also wir sind mehr oder weniger materialistisch orientiert. Und diese Orientierung wirkt sich massiv auf unseren Lebensstil, Kaufverhalten, Emotionen, Stimmungen, Bewertungen und Glück aus.

Warum sind wir Menschen materialistisch?

Im Rahmen unserer Lebensführung sind es neben unseren Werten und der Persönlichkeit auch unsere Erfahrungen, wodurch wir unterschiedlichen Dingen, Menschen, Beziehungen oder Besitztümern auch unterschiedliche Bedeutung beimessen. Menschen die eine hohe materialistisch-orientierte Ausprägung haben, erachten den Erwerb und Besitz von Dingen und Gütern als zentrale Voraussetzung auf dem Weg zu Erfolg, Glück und Sinnerfüllung im Leben.

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Grafik: Die Kernkomponenten psychologisch-materialistischer Orientierung. [1]

Die Bedeutung der wir den unterschiedlichen Facetten des Lebens beimessen wirken sich natürlich auch auf unser Bewusstsein – unsere Gefühle, Stimmungen, Emotionen, Denken und auch auf unser Verhalten aus. Und dasselbe gilt für eine materialistische Orientierung. So bedeutet z.B. eine hohe Ausprägung des Materialismusfaktors „Glück“, dass wir nur dann im Leben glücklich sein können, wenn wir Zeit unserer Lebensspanne auch entsprechend Dinge und materielle Güter erwerben und anhäufen. Eine niedrige Ausprägung würde wiederum bedeuteten, dass wir keine (bzw. kaum) Dinge benötigen um im Leben glücklich zu sein. Wie man sieht, es handelt sich hier um „Glaubenssätze“ und eine generelle Einstellung.

Häufig wird dein kompletter Lebensplan auf deiner Orientierung hin ausgerichtet – mit all seinen Konsequenzen. Alternative (sogar sinnerfülltere) Lebensstile werden dabei leicht ausgeblendet, ignoriert oder angezweifelt, vor allem dann, wenn sie dein felsenfeste Weltanschauung bedroht zu sein scheint – die kognitive Dissonanz lässt grüßen. 😉

Hat der Materialismus ausgedient?

Macht uns Materialismus glücklich? Ob eine Ausrichtung vom Sinn des Lebens auf den Erwerb und die Anhäufung von Besitz der Königsweg des Lebens ist, mag diskutiert werden – ich persönlich bezweifle diesen Königsweg der Masse. Beiträge aus der Glücksforschung bzw. der positiven Psychologie zeigen, dass zum Beispiel Investitionen (kann auch kostenlos sein) in Erlebnisse [3] zu mehr Lebensglück beitragen als die Investition in materielle Güter. (siehe auch Glück durch Erlebnisse)

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Ist Glück auch ohne Besitz möglich?

Ungeachtet dieser erlebnisorientierten Glücksforschung sollte die zunehmende Ressourcenknappheit unseres Heimatplaneten, der drohenden Erderhitzung und der drastischen Reduktion der weltweiten Artenvielfalt dem Ausbeutungs- und Konsumwahn ohnehin zu denken geben.

Denn alleine der Industrie und der Wirtschaft ODER den einzelnen Konsumenten die alleinige Verantwortung für den globalen Konsumwahnsinn zuzuschieben grenzt an Ignoranz (kollektiver Boykott wäre laut Erich Fromm eine Lösung, doch dafür scheint unsere Gesellschaft zu materialistisch orientiert). Denn der Markt funktioniert nach Angebot und Nachfrage. Und solange wir (teils sinnentfremdete) Produkte unserer Wegwerfgesellschaft kaufen wird die Spirale der materiellen Ausbeutung bis zur Kollision weitergehen  – STOP – ZUSPÄT – KRACH!!! (hier mach ich jetzt auch Stop, da ich sonst das Thema meines Beitrags überschreiten müsste).

Tamagochi lässt grüßen.

Welche Alternativen zum Materialismus habe ich?

Alternative psychologische Lebensorientierungen gibt es genug. Um einige davon zu nennen mit einer kurz und bündigen Beschreibung:

  • Idealismus: Das Wachstum des Bewusstseins und der Erfahrung dessen als Lebensziel.
  • Experimentalismus: Das Erleben von möglichst unterschiedlichen und einzigartigen Ereignissen und Emotionen. Am besten mit anderen Menschen, Familie, Freunden und PartnerInnen.
  • Minimalismus: Eine Form der Lebensführung mit dem Ziel mit möglichst wenig Besitztümern sein Leben zu füllen. Das Loslassen des Materialismus hin zu Idealismus und Experimentalismus sollte hierdurch an Bedeutung gewinnen. Ein Bloggerin, welche sich mit Minimalismus mit vielen Tipps und Tricks auseinandersetzt ist die Wienerin Viktoria Pfeiffer mit ihrem Blog Minimalismus & Green Lifestyle von Herzen.

Darauf werden wir auch im Laufe weiterer Einträge und vereinfachter Darstellungen aus der psychologischen Forschung gerne wieder zurückkommen, doch zunächst gilt deine persönliche psychologische Orientierung zum Materialismus hin zu „checken“.

Autor: Mario Schuster

Verwendete Quellen:

[1] Richins, M. L. & Dawson, S. (1992). A Consumer Values Orientation for Materialism and Its Measurement: Scale Development and Validation, Journal of Consumer Research, 19, 303–16.

[2] Belk, R. (1985). Materialism: Trait Aspects of Living in the Material World. Journal of Consumer Research, 12(3), 265-280

[3] Van Boven, L. V. & Gilovich, T. (2003). To do or to have? That is the question. Journal of Personality and Social Psychology, 85, 1193-1202.

[4] Materialismus. n.d. Abgerufen unter https://de.wikipedia.org/wiki/Materialismus am 27. Juli 2016

Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

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