Gibt es einen freien Willen?

Gibt es so etwas wie einen freien Willen? Während unsere Vorfahren jahrhundertelang willensentleerten Glaubenssätzen folgten, zeigt die Entwicklung der Willensforschung der vergangenen Jahrzehnte, dass unser Wille nicht nur ein zuhause hat, sondern diese auch ein entscheidender Erfolgsfaktor in unserem Leben ist.

 

Die göttliche Bestimmung

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Über Jahrhunderte waren Gelehrte, Eliten und allem voran Geistliche davon überzeugt, dass unser Leben vorbestimmt sei und unser Schicksal ein Produkt göttlicher Fügung sei. Wer brav betet und seinen Göttern huldigt wird mit einem schöneren Leben belohnt – und wenn es dennoch nicht läuft, dann sei das die Bestimmung. Die Überzeugung sein Leben selbst in die Hand zu nehmen wurde eher belächelt. War dies von den weltlichen Obrigkeiten bewusst gesteuert oder war das Bewusstsein der Menschen damals noch nicht soweit ausgebildet um von einem Willen sprechen zu können?

 

Das Missverständnis mit dem freien Willen

Berücksichtigt man die Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte müsste man bei Zweiterem (siehe oben) annehmen, dass sich die menschliche Hirnbiologie in wenigen Jahrzehnten den Evolutionsturbo gezündet hat. Doch dem ist nicht so. Die Ursachen, dass der Wille lange als fragwürdig angesehen wurde hat auch seine gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wurzeln. Wer im Mittelalter nicht zum Adel gehörte, sondern evtl. zur Landwirtschaft, der hatte auch sehr wenige Zukunftsoptionen. So hatte z.B. der „älteste Bauernbua“ die familiäre Pflicht den Hof zu übernehmen – also mehr oder wenig keine Wahl ; seine Zukunft war (scheinbar) vorbestimmt und unumstößlich.

Wenn es jedoch keine Wahloptionen im Leben gibt, dann wird das menschliche Wesen auch wenig von seiner Willenskraft Gebrauch machen. Denn wie wir heute wissen, benötigt man Willenskraft dann, wenn wir eine Gewohnheit oder ein Verhalten dauerhaft ändern möchten. Heute haben Menschen in unserer Gesellschaft schon wesentlich mehr Lebensgestaltungsoptionen (die negativen Konsequenzen die sich daraus ergeben sind natürlich ein anderes Thema, doch darauf komme ich gerne in einem zukünftigen Beitrag zurück), was folgend auch eine starken Willen erfordert um seine Ziele auch zu erreichen.

 

Der Durchbruch des Willens

Bis zu den „Marshmallow Tests“ von des austro-amerikanischen Persönlichkeitspsychologen Walter Mischel war die gesellschaftliche Überzeugung, dass unser Erfolg im Leben von unseren frühkindlichen Erfahrungen (nach Sigmund Freud) abhänge, riesig. Walter Mischel fand in einer großen Reihe an Experimenten, Beobachtungen und auch Nachuntersuchungen [1-3] heraus, dass die Fähigkeit zur SELBST-Kontrolle den Kindern durch deren Geduld nicht nur mehr Marshmallows als Belohnung bescherte: Jahrzehnte später fand er zu seiner positiven Überraschung auch heraus, dass jene Kinder die beim damaligen Experiment lange durchgehalten haben, als Erwachsene auch ein selbstbestimmteres also erfolgreicheres Leben in schulischer, akademischer, beruflicher, als auch in sozialer Hinsicht hatten.

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Ist das Zufall? Heute weiß die Neurowissenschaft dank moderner Messverfahren auch, dass der Wille ein „zuhause“ hat. Der Wille (die Synonyme des Willens in der Psychologie lauten z.B. Selbstkontrolle ,  Selbstregulation oder Volition) sitzt im Frontallappen, also im vorderen Teil des Gehirns. Doch dort sitzt nicht nur unser Wille, sondern auch die Fähigkeit unsere Konzentration und Aufmerksamkeit zu steuern. Und wer viel Willenskraft besitzt, ist auch in der Lage innere und äußere Widerstände, Extrem- und Stresssituationen besser zu bewältigen.

Kann es sein, dass ich keinen Willen habe?

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Meine saloppe Antwort dazu lautet NEIN! Generell besitzt jeder gesunde Mensch einen Willen und die dazugehörige Willenskraft. Jedoch ist unser „tägliche Willenskraft“ begrenzt und kann durch destruktive Gewohnheiten (z.B. Alkohol, übertriebene Smartphone-Nutzung, Konflikte, usw.) sehr rasch entleert werden, wodurch wir rasch unseren Versuchungen des Alltags unterliegen. Eine „Entleerung der Willenskraft“ wird auch als SELBST-Erschöpfung bzw. „ego-depletion“ [4] bezeichnet, was auch erklärt, weshalb wir trotz eines starken Willens unseren Versuchungen erliegen können. Ein Klassiker der Selbst-Erschöpfung sind natürlich „Neujahrsvorsätze“. 😀

 

Kann ich etwas tun um meinen Willen zu stärken?

Ja kannst du, und sogar jede Menge!!! 😉 Teilweise sind die Trainingsansätze recht einfach und unspektakulär – und teilweise wird’s komplex. Doch auch wenn du deinen Willen dauerhaft stärken möchtest, brauchst du auch hierfür die nötige Portion Willenskraft oder gute Unterstützung durch die richtigen Fachleute.

 

Autor: Mario Schuster

 

 

Verwendete Literatur

[1] Baumeister, R. & Tierney, J. (2014). Die Macht der Disziplin. Wie wir unseren Willen trainieren können. München: Goldmann

[2] Mischel, W., Shoda, Y. & Peake, P.K. (1988). The nature of adolescent competencies predicted by preschool delay of gratification. Journal of Personality and Social Psychology, 54, 687-696.

[3] Mischel, W., Shoda, Y. & Rodriguez, M. (1989): Delay of gratification in children. In: Science. 244 (4907), S. 933-938.

[4] Baumeister, R., Bratslavsky, E., Muraven, M., & Tice, D. (1998). Ego depletion: Is the active self a limited resource? Journal Of Personality And Social Psychology, 74(5), 1252-1265

 

 

 

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