Besitz VS Abenteuer: Was macht glücklicher?

Studien zeigen, dass materialistisch orientierte Personen im Allgemeinen weniger glücklich sind als nicht materialistisch orientierte Personen. Der Artikel behandelt neben Materialismus vorrangig die psychologischen Auswirkungen von einem Erlebnis oder eben Abenteuern. Vor allem in einer langfristigen Perspektive bewirken Erlebnisse mehr Glück und Zufriedenheit als Dinge. Doch woran liegt das?

In einer Reihe von Studien haben materialistisch orientierte Personen ein niedrigeres subjektives Wohlbefinden berichtet als nicht materialistisch orientierte Personen. Außerdem scheinen sie weniger glücklich und zufrieden mit ihrem Leben zu sein sowie weniger positive und mehr negative Gefühle im Alltag zu erleben.

Studien zu Erlebnis orientierten vs. materiellen Investitionen

Weitere Studien haben untersucht, ob es Menschen glücklicher macht, in ein Erlebnis zu investieren, im Vergleich zu Ausgaben für materiellen Besitz. Unterschieden werden erlebnisbezogene und materielle Investitionen dabei anhand der primären Absicht in Bezug auf den jeweiligen Kauf.

Erlebnis-orientert

Liegt die primäre Absicht darin, mit dem Kauf von einem bestimmten Erlebnis oder einem Abenteuer zu ermöglichen bzw. bestimmte Lebenserfahrungen zu sammeln, dann handelt es sich um eine erlebnis-bezogene Investition. Bsp.: „Ich kaufe mir ein Zelt, um auf meiner Skandinavienreise in freier Natur schlafen zu können.

Materialistisch orientiert

Ist jedoch die primäre Absicht jene, etwas von materiellem Wert zu kaufen bzw. wenn geht es primär um den Besitz dieses Gegenstandes, so wird es als materielle Investition betrachtet. Bsp.: „Ich kaufe mir eine Rolex Armbanduhr – die Uhrzeit könnte ich auch auf einer günstigeren, 0815 Plastikarmbanduhr ablesen, aber mir geht es darum, etwas Wertvolles am Handgelenk zu tragen und damit auch zu zeigen, dass ich mir so etwas leisten kann.

Aktuelle Investitionen

In einer dieser Studien wurden die Teilnehmenden entweder nach einem kürzlichen erlebnisbezogenen Kauf oder nach einem materiellen Kauf gefragt und danach, wie glücklich sie mit diesem sind und ob sie finden, dass es eine gute Investition war. Jene Personen, die einen erlebnisbezogenen Kauf schilderten, schätzten sich glücklicher in Bezug auf diese Investition ein und waren in höherem Ausmaß der Meinung, ihr Geld gut investiert zu haben als jene Personen, die einen materiellen Kauf beschrieben.


Das Erinnern

In einer weiteren Studie mussten die Teilnehmenden eine Beschreibung zu einem Kauf, mit dem sie glücklich waren, verfassen (die Hälfte der Personen bekam den Auftrag in Bezug auf erlebnis-bezogene Käufe, die andere Hälfte in Bezug auf materielle Käufe).

Diese Beschreibung mussten sie eine Woche später noch einmal lesen und wurden dann gefragt, wie glücklich es sie macht, wenn sie an diesen Kauf zurückdenken. Es hat sich gezeigt, dass das Erlebnis des sich Erinnerns an einen erlebnis-bezogenen Kauf Leute glücklicher macht als das Erlebnis, sich an materielle Ausgaben zu erinnern.


Der Zeitfaktor

Und in einer weiteren Studie wurden den Teilnehmenden vier Entscheidungsfragen gestellt, wobei es jeweils um die Entscheidung zwischen einem Erlebnis und einem materiellen Produkt ging:

Bsp.: eine neue Uhr vs. der Besuch einer Broadway Show; ein Paar Lederstiefel vs. ein Dinner und der Besuch einer Comedy Show.

Dabei musste sich ein Teil der Gruppe vorstellen, vor einem Jahr mit dieser Entscheidung konfrontiert gewesen zu sein, der zweite Teil der Gruppe musste sich vorstellen, dass sie diese Entscheidung in einem Jahr zu treffen hätten und der dritte Teil der Gruppe musste sich vorstellen, dass diese Entscheidung am nächsten Tag ansteht.

Jene Personen, welche die zeitlich entfernteren Perspektiven (vor/in einem Jahr) einnahmen, gaben im Vergleich zu Denjenigen, welche die zeitlich sehr nahe Perspektive einnahmen (am nächsten Tag), signifikant häufiger an, dass sie sich für das Erlebnis entscheiden würden und dass dieses sie glücklicher machen würde als das materielle Produkt. Demnach scheinen Erlebnisse (bzw. die Investition in ein Erlebnis) zusätzlich besonders dann großen Reiz zu haben, wenn diese mit zeitlichem Abstand betrachtet werden.

Doch warum ist es so, dass Erlebnisse bzw. erlebnis-bezogene Investitionen glücklicher bzw. zufriedener machen als Dinge bzw. materialistische Investitionen?

Im Folgenden beschreibe ich drei Vorschläge, die Van Boven (2005) bzw. Van Boven und Gilovich (2003) im Zuge der Beschreibung ihrer Studien gebracht haben und illustriere diese jeweils mit Beispielen aus meinem eigenen Leben (Autorin: anonym alias „nonkonformista“).

Ein Erlebnis wird mit der Zeit immer besser

Ein Erlebnis beschert uns in der Rückschau betrachtet oft selbst auch dann Gefühle von Freude und Glück, wenn dieses zum damaligen Zeitpunkt auch unangenehme Aspekte beinhaltete. Es passiert eine Art Verklärung in dem Sinne, dass die begleitenden Ärgernisse mit zeitlichem Abstand in Vergessenheit geraten und alle positiven Aspekte des Erlebnisses immer stärker in den Fokus der Erinnerung drängen.

Erfahrungsbericht

Felsenformation: Ein Erlebnis
© nonkonformista

„Bei einer Wanderung im Triglav-Gebiet in Slowenien musste ich einige ungesicherte Klettersteigpassagen bewältigen, was bei mir zu heftigem Herzklopfen, Schweißausbrüchen und Fast-Panik führte und ich war jedes Mal extrem froh, wenn eine solche Kletterpassage vorbei war. Wenn ich mich heute daran zurück erinnere, denke ich allerdings kaum bis gar nicht mehr an diese Momente, sondern hauptsächlich an die atemberaubende Landschaft, an beeindruckende Felsen, das tolle Wetter und das Gefühl, es geschafft zu haben. Mit Fortlauf der Zeit sind also die unangenehmen Erfahrungen von diesem Erlebnis in den Hintergrund getreten und die Erinnerung hat sich auf das Wesentliche hin geschärft, nämlich dass diese mehrtägige Bergtour eine der schönsten in meinem bisherigen Leben war.“ (anonym)

Materielle Besitzgüter machen langfristig nicht glücklich

Materielle Besitzgüter hingegen weisen diese Eigenschaft nicht auf. Meistens stellt sich recht schnell ein Gewöhnungseffekt ein und die Freude daran ist nicht von langer Dauer. Beim Kauf eines neuen Smartphones bspw. ist die Aufregung und Freude anfangs sehr groß, bald jedoch tritt eine Gewöhnung ein, zumal in immer kürzeren Abständen neue Geräte mit noch mehr Features auf den Markt kommen.

Ein wesentlicher Grund dafür, warum Erlebnisse im Vergleich zu materiellen Errungenschaften mit der Zeit immer besser werden ist, dass diese zugänglicher für vorteilhafte Interpretationen sind. Eine Tagung zu besuchen dürfte mehr vorteilhafte Bedeutungen auf einer höheren Ebene haben (z.B. „den eigenen Horizont erweitern“, „neue Leute des Fachgebiets kennenlernen“) als der Kauf eines neuen T-Shirts.

Und: Diese tieferen Bedeutungen stehen vor allem aus einer zeitlich entfernteren Perspektive im Vordergrund, z.B. ein paar Monate vor bzw. nach der Tagung, wohingegen z.B. am der Tag der Tagung selbst bzw. ein paar Tage davor bzw. danach auch die damit verbundenen Anstrengungen (letzte Vorbereitungen treffen; früh aufstehen müssen; bei längeren Vorträgen die Konzentration behalten) sehr präsent sind.

Erlebnisse sind resistent in Bezug auf unvorteilhafte Vergleiche

Beim Kauf von materiellen Produkten scheinen mehr soziale Vergleiche in Gang gesetzt zu werden, ebenso wie Vergleiche mit den eigenen (oft idealisierten) Erwartungen, und dieser Umstand schmälert das damit verbundene Glücksempfinden.

Laut Studien dürften Erlebnisse weniger anfällig sein für das Empfinden von Enttäuschung und Bedauern. Studienteilnehmende, die sich vorstellten, in ein enttäuschendes Erlebnis investiert zu haben, gaben an, dies weniger wahrscheinlich zu bedauern sowie sich eher trotzdem wieder für ähnliche Investitionen zu entscheiden, als wenn sie sich dasselbe in Bezug auf eine materielle Investition vorstellten.

Ein möglicher Grund dafür ist, dass Erlebnisse stärker als einzigartig wahrgenommen werden als materieller Besitz, was Vergleichsprozesse verhindert bzw. hemmt.

Zwei Beispiele aus einem Erfahrungsbericht

Ad materieller Kauf:

„Ich habe beim GEA Flohmarkt ziemlich extravagante Schuhe erstanden und hatte dabei die Erwartung, dass ich mich in diesen sehr wohl fühlen sowie diese oft tragen werde. Später stellte ich dann fest, dass ich gar nicht so viele Kleidungsstücke habe, zu denen die Schuhe farblich passen und erinnerte mich daran, dass ich bei Waldviertler-Schuhen immer eine ziemlich lange Eingeh-Phase habe und mir die Schuhe in dieser Zeit oft drücken bzw. meine Füße wund werden. Diese Gedanken haben meine große Aufregung und Freude dann ziemlich geschmälert.“

Ad Erlebnis:

Steinbock Erlebnis
Ein Steinbock in der Wildnis:
Ein Erlebnis!

„So wie jedes Jahr spielte ich auch heuer mit meinem Fußballteam beim Ute Bock Cup. Von vier Spielen haben wir nur eines gewonnen und insgesamt auch nur ein Tor geschossen, und ein sozialer Vergleich mit einigen der anderen Teams würde wohl eher negativ ausfallen. Doch zu diesem Vergleich kam es erst gar nicht, da ich mein Team als einzigartig empfinde (in Bezug auf unsere Zusammensetzung, auf unseren Spielstil etc.), zumal bei diesem Turnier Spaß und Fairplay im Vordergrund stehen.“

Erlebnisse haben einen höheren sozialen Wert

Erlebnisse haben einen höheren sozialen Wert in dem Sinne, dass sie in größerem Ausmaß stärkend auf soziale Beziehungen wirken als materieller Besitz.

Dafür gibt es mehrere Gründe:

Erlebnisse haben allein von ihrem Wesen her einen sozialeren Charakter.

Beispiel aus einem Alltag: „Ich singe gemeinsam mit vielen anderen Menschen im Brunnenchor und spiele Theater innerhalb einer Gruppe, wohingegen der Kauf von neuen Fahrradschläuchen oder eines neuen Computers Tätigkeiten sind, die ich alleine erledige.“

Es gibt ein negatives Stereotyp in Bezug auf Menschen, die sehr materialistisch eingestellt sind bzw. ein positives Stereotyp gegenüber Menschen, die erlebnisorientiert sind.

Dazu gibt es Ergebnisse aus einem ganz netten Experiment: Die Teilnehmenden mussten sich paarweise entweder über materielle Ausgaben, mit denen sie zufrieden waren, unterhalten, oder aber über erlebnisbezogene Investitionen. Jene Personen, die ein Gespräch über Zweiteres führten, schilderten danach einen positiveren Eindruck von ihrem Gegenüber. Das negative Stereotyp von materialistisch eingestellten Menschen hat demnach einen starken Einfluss auf die Beurteilung einer Person.

Und schlussendlich: Über Erlebnisse zu sprechen macht einfach mehr Spaß!

Viel mehr als bei materiellen Besitzgütern haben Erlebnisse eine typische narrative Struktur mit Beginn, Mittelteil und Ende. Damit sind sie auch deutlich unterhaltsamer innerhalb einer Konversation und haben eine positive Auswirkung auf die eigene Beliebtheit in einer Gruppe und stärken soziale Beziehungen.

Was sagt ihr zu diesen Ergebnissen? Fallen euch noch andere Gründe dafür ein, dass Erlebnisse glücklicher machen als Dinge? Oder habt ihr gegenteilige Argumente? Und: Gab/Gibt es in eurem Leben interessante Erfahrungen dazu, die ihr gerne teilen wollt?


Autorin des Artikels:

Eine ehemalige Studienkollegin von mir, möchte anonym (alias „nonkonformista“) bleiben.

Verwendete Literatur:

Richins, M. L. (2012). When Wanting Is Better than Having: Materialism, Transformation Expectations, and Product-Evoked Emotions in the Purchase Process. Journal of Consumer Research, 40, 1-18.

Van Boven, L. V. (2005). Experientialism, materialism, and the pursuit of happiness. Review of General Psychology, 9, 132-142.

Van Boven, L. V. & Gilovich, T. (2003). To do or to have? That is the question. Journal of Personality and Social Psychology, 85, 1193-1202.

Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

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