Olympiamärchen: Über Druck und surreale Sensationen

Olympia, das sportliche Großereignis für welches Athletinnen und Athleten ihr ganzes Leben unterordnen um dabei sein zu dürfen. Doch für viele SpitzensportlerInnen ist das Motto „Dabei sein ist alles!“ etwas für Sportromantiker. Vielmehr greift im Spitzensport die Dualität zwischen Sieg und Niederlage. Die Natur des Wettkampfes ist auch ihre Nicht-Wiederholbarkeit. Daher ist die mentale Kompetenz mit psychischem Druck umzugehen eine goldene Kompetenz. Denn bei Olympia geht es um Ruhm und Ehre, in Form von Bronze, Silber und GOLD. Und Silber ist für manche Athlet emotional schmerzhafter als Bronze. Doch wie erging es den Podest- AthletInnen im Damen Super-G?

 

Olympischer Druck

Immer wieder ist bei sportlichen (Groß)Ereignissen vom „Druck“ die Rede. Die TV-Kommentatoren werfen häufig die berechtigte Frage in den Raum, ob der Sportler am Starthaus, beim Freiwurf oder Elfmeterpunkt dem Druck standhalten kann.

Doch was steckt dahinter?

Hat der Druck tatsächlich eine so große Rolle in Bezug auf die Leistungsfähigkeit?

 

Ein Wettkampf ist nicht wiederholbar!
(Grundprinzp von Wettkämpfen)

 

Sportpsychologie: Die Rolle des Drucks

Das kann ich ganz klar mit einem großen JA beantworten. Ich werde in einem späteren Artikel (in der Zwischenzeit kannst du dich ja im Newsletter eintragen) das Thema Druck noch groß aufgreifen.

Doch um dich von der Folterbank der Erkenntnis zu verschonen, möchte ich dir schon jetzt in ein paar wesentliche Aspekte vom mentalen Druck und der sportlichen Leistung einweihen.

 

Druck als Leistungsvoraussetzung

Zunächst möchte ich sagen, dass ein Minimum an Druck und Wettkampfangst eine wichtige Leistungsvoraussetzung darstellt. Denn wem es „wurscht“ ist, wie der Wettkampf ausgeht, der wird bereits in der Vorbereitung sehr lasch agieren.

Beim Wettkampf selbst, ist ein Mindestmaß an Druck auch notwendig, um die nötige Spannung, Konzentration und Ernsthaftigkeit aufzubauen. Dies ist nötig, um sein sportliches Potential am Tag X auch abrufen zu können. Wichtig ist, dass der Druck nicht als „Bedrohung“ wahrgenommen wird.

 

Druck als Traumzerstörer

Sollte der Druck jedoch zu groß werden, steigt das Risiko, dass die Dämme der mentalen Stabilität brechen und ein gegenteiliger Effekt eintritt. Dann kann es passieren, dass die Besorgtheit und die Emotionalität der SportlerIn überhandnimmt. Das hat zur Folge, dass die Konzentration auf die Aufgabe stark gehemmt wird. Der Fokus liegt dann nicht mehr auf dem, was eigentlich zu tun ist (z.B. die Line beim Snowboarden zu halten), sondern bei Ängsten, Konsequenzen oder sonstwo. Wenn der Wettkampf dann auch noch als Bedrohung wahrgenommen wird, dann wird dieser Effekt sogar noch verstärkt.

Staudamm
Wenn der „mentale Staudamm“ bricht, dann sind unbeschreibliche Fehler vorprogrammiert!

 

Scheitern am eigenen Druck und Überheblichkeit

Wenn der innere Druck zu groß wird, dann können auch SportlerInnen oder ganze Teams am eigenen Druck scheitern (hier klicken zum früheren Artikel). Das ist in der Regel dann der Fall, wenn das festgelegte Ziel unrealistisch ist. Denn wenn sich das gesetzte Ziel von der sportlichen Realität unterscheidet, dann bekommt der Mensch ein Selbstwertproblem. Dies kann dann auch zu einer Kompensation durch Überheblichkeit führen. Und wenn das mitten im Wettkampf oder davor geschieht, dann geht der Athlet Risiken ein, für welches ihm (zumindest im jeweiligen Moment) einfach die sportlichen Möglichkeiten fehlen.

Durch dieses Übermaß an Risiko passieren dann eine Reihe an Fehlern, welche folgend wettkampfentscheidend sind. Manchmal führt dies auch zum gefürchteten „Einfädler“ im Slalom. Und dieser klitzekleine Fehler kann schon einen Traum platzen lassen.

 

Beispiele aus dem olympischen Super-G der Damen 2018Schipiste

Nervös und trotzdem fokussiert

Tina Weirather in ihrem Bronze-Interview: „I war extrem nervös heute und mir war eigentlich dauernd schlecht. Und ich hab mich nicht so richtig gespürt und i hob mi ned so richtig beruhigen können…“ und führt weiter aus „…ich hab da ziemlich gelitten da oben am Start und im Ziel war die Erleichterung rießig, dass der Druck weg war und ich einen guten Job gemacht habe!

Mein Kommentar: Wie man heraushören kann, war auch die Olympia-Bronzemedaillen-Gewinnerin Tina Weirather „extrem nervös“ und stand unter einem Druck, welcher sogar körperliche Beschwerden ausgelöst hat. Dem Interview ist auch zu entnehmen, dass ihr Fokus dennoch auf einem „guten Job“, d.h. an der Handlungsausführung gelegen ist. Und die Handlungsorientierung unterscheidet auch erfolgreiche Athleten von jenen, welche sich eher auf ihre „Lage“ konzentrieren.

 

Dabei sein ist alles als Druck-Katalysator

Kann eine Snowbaorderin Olympiasiegerin im Schifahren werden? Ursprünglich war es größte Traum von der tschechischen Snowboardweltmeisterin Ester Ledecka neben einem Antritt in der Disziplin Snowboard auch im Super-G bei den olympischen Winterspielen in Pyeongchang 2018 antreten zu dürfen. So gesehen, hatte sie bereits im Starthaus die besten Karten um als gefühlte Siegerin den Tag zu beenden. Doch es kam anders – sensationell:

 

Snowboarderin gewinnt GOLD im Schifahren

Super-G-GOLD bei den Damen hat schließlich – für alle überraschend – die „Snowboardweltmeisterin“ Ester Ledecka gewonnen. Die größte Überraschung war der Sieg für die Siegerin selbst, welche sehr ungläubig im Ziel gestanden hat und mit offenem Mund geschaut hat, als wäre sie soeben Letzte geworden. In ihrem ersten Interview nach dem Rennen sagte sie auch: „Ich dachte das muss ein Fehler sein! Entweder ändern sie die Zeit noch oder  vielleicht habe ich ein Tor ausgelassen!

GOLD: Der Gesichtsausdruck der uneinholbar Führenden Anna Veith (ehemals Anna Fenniger, welche bereits 2014 Olympia-GOLD gewonnen hatte) war ein Lächelndes, als sie sah, dass sie von der späteren Läuferin Ester Ledecka doch noch – ganz unerwartet und sensationell – um eine hundertstel Sekunde (-0.01) abhängt wurde. Im darauf folgenden Interview zeigte sich Anna Veith als große Sportsfrau, welche sich auch über SILBER freuen konnte und der Sensationssiegerin ihren Tribut mit großem Respekt zollte. Da gab es schon andere verbal-emotionale Entgleisungen in der Sportgeschichte.

 

Was hat Ledecka´s GOLD mit Druck zu tun

In diesem Fall sehr viel. Zunächst ist davon auszugehen, dass sie sehr gut Schifahren kann. Den Druck den sie hatte, der kam folgend von ihr selbst. Ihr Ziel beim Super-G mitfahren zu dürfen, hatte sie bereits erreicht. Durch den fehlenden Überdruck konnte sie ihre Motivationsenergie auch tatsächlich dafür nutzen, sich auf das Schifahren zu konzentrieren. Und das tat sie auch. Eine beherzte Fahrt ohne groben Fehler bescherte ihr letztlich unerwartet Gold.

Sie hatte nichts zu verlieren und hat alles gewonnen!

Anders erging es der US-Schisuperstar Lindsey Vonn. Diese hätte auch GOLD machen können. Doch mit einem schweren Fehler in einer Kurve (sie kam zu weit in den Weichschnee) katapultierte sie sich selbst vom Podest. Zuviel Verbissenheit führt zu Verkrampftheit und Fehlern. Dies durfte auch der ÖSV-Schifahrer Max Franz einsehen.

Snowboard

 

Kann man den Umgang mit Druck erlernen?

Ja klar doch! Und damit sollten SportlerInnen schon sehr früh damit beginnen, falls sie große sportliche Ziele haben. Wer erst kurz vor wichtigen Wettkämpfen damit beginnt, kann sich zwar den einen oder anderen Tipp abholen, doch eine seriöse Vorbereitung sieht anders aus:

Ein erfahrener Sportpsychologe oder guter Mentaltrainer kann helfen sich auf den Umgang mit Druck vorzubereiten um mental Fit für schwierige Wettkämpfe zu werden. Eine langjährige systematische Zusammenarbeit kann hier auch wie ein mentaler Elchtest wirken.

 

Denn das Problem im Wettkampfsport ist folgender: Ein Wettkampf ist NICHT wiederholbar. Umso wichtiger ist es, sich auch auf jede Eventualität vorzubereiten. Und was häufig nicht bedacht wird, ist man selbst!

 

 

Verwendete Literatur:

Baumeister, R., Heatherton, T. & Tice, D. (1993). When ego threats lead to self-regulation failure: Negative consequences of high self-esteem. Journal Of Personality And Social Psychology, 64(1), 141-156.

Beckmann, J. & Elbe, A.-M. (2008). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Ballingen: Spitta.

Goleman, D. (2015). EQ: Emotionale Intelligenz. München: dtv

Linz, L. (2014). Erfolgreiches Teamcoaching. Aachen: Meyer & Meyer.

 

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Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

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