Nach Olympia ist vor Olympia: Braucht es die Sportpsychologie?

Beobachtet man öffentliche Meinungen über die Rolle der Sportpsychologie im Sport zeichnet sich ein sehr kontroverses Bild ab. Auf der einen Seite gibt es zahlreiche Beispiele in denen SportpsychologInnen und MentaltrainerInnen ein wichtiges Puzzlestück zu großen sportlichen Erfolgen beitrugen und auf der anderen Seite gibt es Persönlichkeiten, SpitzensportlerInnen und hochrangige Funktionäre, die den Nutzen der Sportpsychologie stark infrage stellen. Diese Frage wurde am Rande am Tiroler Tag der Sportpsychologie 2016 am vergangenen Freitag von renommierten Fachleuten, erfolgreichen Olympioniken und Spitzentrainern thematisiert.

 

Ölympia

Tiroler Tag der Sportpsychologie 2016: Die abschließende Diskussionsrunde mit den Referenten (v.l.n.r.) Chris Willis, Toni Innauer, Roswitha Stadlober, Eva Dollinger, Claudia Reidick und Violetta Oblinger-Peters. Die ehemalige Olympiasiegerin (Triathlon) Kate Allen war ebenfalls eine Referentin, ist jedoch nicht im Bild zu sehen. (Foto: Mario Schuster)
Tiroler Tag der Sportpsychologie 2016: Die abschließende Diskussionsrunde mit den Referenten (v.l.n.r.) Chris Willis, Toni Innauer, Roswitha Stadlober, Eva Dollinger, Claudia Reidick und Violetta Oblinger-Peters. Die ehemalige Olympiasiegerin (Triathlon) Kate Allen war ebenfalls eine Referentin, ist jedoch nicht im Bild zu sehen. (Foto: Mario Schuster)

Die olympischen Spiele 2016 in Rio sind Geschichte. Für viele waren sie ein Fest, für Andere (schon) wieder ein Desaster. Namhafte österreichische öffentlichkeitswirksame Meinungsträger kritisierten bereits während der olympischen Spiele viele AthletInnen als „Olympiatouristen„. Vor dem Treffen einer solchen Aussage sollte man sich jedoch Gedanken über mögliche Auswirkungen auf jene OlympionikInnen machen, welche noch Wettkämpfe vor sich haben. Zumindest eine Wertschätzung zu den erbrachten Leistungen sollten selbstverständlich sein, bedenkt man, dass alleine die Erbringung der Qualifikationskriterien kein „Zuckerschlecken“ sind. Fakt ist, dass sich die SportlerInnen unter höchsten Anstrengungen und einer Vielzahl an persönlichen Entbehrungen qualifiziert haben.

 

Wer übernimmt Verantwortung bei Misserfolgen?

Nach den Wettkämpfen besteht teilweise auch die Tendenz, dass bei Erfolgen jeder den größten Anteil am Erfolg hat und bei Misserfolgen sucht man dann die Fehler bei Anderen. So kann es dann passieren, dass der Misserfolg wohl am Fördersystem, SportpsychologInnen oder am mangelnden Einsatz der AthletInnen selbst liegt – ein Irrglaube wie sich zeigt. Doch auch wenn dann die erhofften Medaillen fehlen, sollte man die „Kirche im Dorf“ lassen und die eigene bzw. gesellschaftliche Erwartungshaltung prüfen. Denn aus Fehlern lernt man auch am meisten, wenn man die Verantwortung dafür übernimmt und bestrebt ist daraus konstruktive Schlussfolgerungen zu ziehen.

 

Der kleine feine Unterschied: Mentale Stärke im entscheidenden Moment

Zumindest unter Fachleuten ist klar: Sportpsychologie kann jedem Nützen, wenn sie richtig angewandt wird. Auch vereinzelte Methoden bei denen der Wirkmechanismus noch nicht ganz klar ist, sind sehr bedeutsam, „…solange sie nicht schaden“. So beschreibt es Toni Innauer in seinem Vortrag am Tiroler Praxistag der Sportpsychologie welcher aus eigener Erfahrung über die Bedeutung von scheinbaren Kleinigkeiten auf wettkampfrelevante mentale Prozesse berichten konnte. So kann schon ein destruktiver Gedanke über das verwendete „Material“ mentale Prozesse auslösen, die im entscheidenden Moment leistungshemmend wirken – nur um eines von tausend Beispielen zu nennen.

Die Praxis und die sportpsychologische Forschung (entsprechende Studien werde ich in anderen Beiträgen nachholen) der vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass Sportpsychologie – richtig angewandt – leistungssteigernd wirken kann. Im Unterschied zu Doping braucht man beim Mentaltraining und anderen sportpsychologischen Trainingsmethoden keinerlei externe Zufuhr chemischer Stimulanzien. Die AthletInnen schöpfen einfach nur ihr Potential aus, dass ohnehin auch schon vorher da war. Doch Sportpsychologie ist MEHR als Leistung.

 

Brauchen wir eine Hochleistungskultur?

Was spricht denn dagegen, schnell zu rennen, Vollzeit zu trainieren oder an seine Grenzen zu gehen? Was lernen SportlerInnen menschlich und für das spätere Leben aus dem Leistungssport? Vielmehr gilt es nicht nur diese Fragen zu beantworten, sondern vor allem auch die ethischen Bedingungen für eine „ethische Hochleistungskultur“ mitzugestalten. Um nur einige Schlagworte für einen ethischen Hochleistungssport zu nennen: Selbstbestimmung, Chancengleichheit, Antidoping. Und vor allem sollten wir uns als Gesellschaft die Frage stellen: Welche Sportkultur wollen wir in unserer wirklich? Diese und Andere Fragen sind  sicher bedeutende Zukunftsfragen der Sportpsychologie.

Wie wir sehen ist Sportpsychologie mehr als ein Forschungszweig. Die Entwicklungen des Leistungssports und die steigende Leistungsdichte zeigen eindrucksvoll auf, dass mentale Schwächephasen den Sieg kosten können. Das Bewusstsein für die Bedeutung mentaler Kompetenzen im Sport ist glücklicherweise steigend – doch nach wie vor besteht Aufklärungsbedarf über die Vielfalt und die Rolle der Sportpsychologie um hartnäckige Glaubenssätze zu überwinden.

 

Autor: Mario Schuster (Mentalcoach)

Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

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