Arbeitszeit: Mehr Arbeitsstunden führen zu Rückgang kognitiver Fähigkeiten!

Benötigt die moderne Arbeitswelt tatsächlich eine längere Arbeitszeit pro Woche? Brandaktuell ist sie, die hitzige Diskussion zum 12-Stunden-Tag per Gesetz. Und zumindest aus fachlicher Sicht laufen ArbeitnehmerInnen, ArbeitsrechtlerInnen, Gewerkschaften und diverse Organisationen Sturm gegen die gesetzliche Umstrukturierierung der Arbeitszeiten – ZURECHT! Denn der Blitzentwurf zum neuen Arbeitszeitgesetz ignoriert eine Vielzahl an hochrelevanten Faktoren, welche einer modernen Arbeitswelt gerecht werden würden. Denn eine moderne Arbeitswelt heißt nicht einfach MEHRARBEIT, sondern viel eher hochqualitative Arbeit. Unglücklicherweise spießt sich das neue Gesetz mit den Erfordernissen für eine moderne Arbeitswelt. Dieser Beitrag befasst sich nun mit einem dieser Faktoren: Welche Einfluss hat die Wochenarbeitszeit auf die kognitiven Fähigkeiten?

 

Macht eine lange Arbeitszeit Sinn?

Gleich zu Beginn möchte ich ganz bewusst festhalten, dass es in einzelnen Branchen durchaus Sinn macht, länger zu arbeiten. Vor allem in Berufen mit NICHT TEILBAREN Tätigkeiten bzw. Aufgaben (z.B. bei Ingenieuren, Chirurgen mit Marathon-OPs, Softwareentwicklern, Verantwortungsträgern, etc.). Doch was hierbei ganz wichtig ist, ist diese Entscheidung nicht dem Arbeitgeber alleine zu überlassen. Vielmehr empfehle ich, dass eine längere Arbeitszeit zwischen dem Arbeitgeber und dem Betriebsrat (im Interesse und Rücksprache zu den ArbeitnehmerInnen) zu verhandeln. Das ist außerordentlich wichtig um Verhandlungs-Abhängigkeiten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf ein Minimum zu reduzieren. Interessanterweise gibt es das ja eh schon, Betriebsvereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Betriebsrat – in Branchen in denen dies auch Sinn macht.

Doch dies soll nun mit dem neuen Arbeitszeitgesetz ausgehebelt und pauschal für alle angewendet werden. Das Problem dabei ist, dass es neben Berufen wo eine lange Arbeitszeit Sinn machen kann, es noch mehr Tätigkeiten gibt, in welchen eine kürzere Arbeitszeit wesentlich zielführender wäre.

 

Arbeitszeit Konstrukteur
Eine lange Arbeitszeit kann in einzelnen Berufen – vor allem bei sog. HIGH-PERFORMERN – zukünftig zur Normalität werden.

 

Doch kommen wir nun zur zentralen Fragestellung: Und zwar welchen Einfluss lange Arbeitszeiten auf die kognitiven Funktionen haben. 🙂

 

Studie: Arbeitsstunden und kognitive Fähigkeiten

Eine relative junge Studie zum Einfluss der wöchentlichen Arbeitszeit auf kognitive Funktionen wurde erst im Jahr 2016 in Australien vom Forscherteam Kajitani, McKenzie und Sakata veröffentlicht (Link zur Studie). Dabei untersuchten sie die Auswirkungen der wöchentlichen Arbeitszeit bei über 40-jährigen Australiern und Australierinnen.

 

Die Auswertung der Daten zeigen ein klares Ergebnis:

– Arbeitszeiten höher als 25 Stunden pro Wochen haben einen schädlichen Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten.

– Arbeitszeiten bis zu 25 Stunden pro Woche fördern die kognitiven Fähigkeiten.

Arbeitszeit Grafik
Die Kernaussage der Studie als einfache Grafik.

 

Einen ähnlichen Effekt fand bereits die Studie von Virtanen et al. (2009) bei Personen mittleren Alters. Schon hier stellte sich ein schädlicher Einfluss einer erhöhten Arbeitszeit auf die kognitiven Fähigkeiten, insbesondere der kristallinen Intelligenz, heraus.

Die Ergebnisse sind insofern von einer sehr hohen gesellschaftlichen Relevanz, da zukünftig auch die Lebensarbeitszeit bis zur Pensionierung (=Rente) sich in ein höheres Alter verschieben wird. D.h. für die moderne Arbeitswelt IST ein gesundes körperliches und geistiges Alter das Kapital der Zukunft. Doch überlange Arbeitszeiten führen zu kognitiver Ermüdung, Erschöpfung und einer zunehmenden Unfähigkeit Stress zu bewältigen. Das kann langfristig zu schwerer Krankheit führen und ein Riesenproblem werden.

 

Was benötigen wir für moderne Arbeitswelten?

Die Veränderung der Arbeitsanforderungen

Arbeitszeit - Schweißer

Moderne Arbeitswelten im Sinne eines fortschrittlichen Arbeitswelt-Konzepts gehen von der Prämisse der Digitalisierung und Automatisierung aus. Daraus folgen auch fortlaufende Veränderungen der Anforderungen auf einer marktwirtschaftlichen, als auch auf einer Ebene des Arbeitsplatzes.

Während teilweise Tätigkeiten mit geringen bis mittleren Qualifikationsanforderungen stark rückgängig sind, steigt der Bedarf an Fachkräften mit hohen Qualifikationsniveaus. Vor allem für letztere sehen die Jobchancen in einer modernen Arbeitswelt tendenziell gut aus. Für Erstere bietet dies die große Chance die freie Zeit für Weiterbildung zu nutzen – und damit auch die eigenen Jobchancen sowie das wirtschaftliche Potentials des Standortes Österreich zu steigern. Vorausgesetzt die Zeit für Weiterbildung steht auch zur Verfügung. Dabei ist jedoch auch wieder der Aspekt intakter kognitiver Funktionen zu berücksichtigen. Also die Schicht-Hackler*innen mit 60-Arbeitsstunden pro Woche werden es zunehmend schwierig haben sich beruflich weiterzuentwickeln und riskieren es aussortiert zu werden, sobald er/sie nicht mehr funktioniert. Auch die mentale Ausbildung wird für die HIGH-PERFORMER der Zukunft eine zunehmende Rolle spielen.

 

Bildung als Zukunftsschlüssel

Wenn Österreich (oder auch jedes andere Land der Welt) der Entwicklung der Bildungslandschaft nicht nachkommt, dann steigt das Risiko, dass wir als hochwertiger Wirtschaftsstandort abrutschen. Denn das Dilemma ist folgendes: Durch die steigenden Tätigkeitsanforderungen an die Fachkräfte, steigt auch das Arbeitspensum, welches auch hohe kognitive Fähigkeiten erfordern. Und wenn diese nicht ausgebildet sind, dann bedeutet dies Mehrarbeit für einige Wenige (und vielmehr Menschen ohne Job) UND eine große Gefahr die psychische Gesundheit der arbeitenden Menschen im Land.

 

Gesundes Arbeiten im hohen Alter

Zudem möchte ich auch noch erwähnen, dass Arbeit im hohen Alter auch eine hilfreiche Möglichkeit bietet, die kognitiven Funktionen im hohen Alter zu erhalten. Anstatt die Arbeitszeit aus kurzfristigen wirtschaftlichen und unternehmerischen Interessen zu erhöhen, sollte eine intelligente Gestaltung der Arbeitszeit bei hoher Mitbestimmung zur Norm werden. Es gilt die Arbeitszeit mit Maß und Ziel zu gestalten, um einem frühzeitigen Verschleiß körperlicher und geistiger Funktionen Einhalt zu gebieten. Also sinnvolles Modell kann sich hierbei auch die sogenannte Altersteilzeit oder ein einfacher Teilzeitjob erweisen um Sinn und Geist im hohen Alter zu erhalten. Es gilt ein Altern in Würde zu ermöglichen.

 

Forschungsquellen:

Kajitani, S., McKenzie, C., & Sakata, K. (2016). Use It Too Much and Lose It? The Effect of Working Hours on Cognitive Ability. SSRN Electronic Journal. doi: 10.2139/ssrn.2737742

Virtanen M., Singh-Manoux A., Ferrie JE, Gimeno D., Marmot MG., Elovainio M., Jokela M., Vahtera J. & Kivimäki, M. (2009). Long working hours and cognitive function: the Whitehall II study. American Journal of Epidemiology 169(5) : 596–605.

 

Arbeitszeit Handwerker

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Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

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