Klimaspecialserie: Die Psychologie des Umwelt-UN-bewussten

Die Basis allen Lebens ist die Natur – zumindest hier auf der Erde. Und davon haben wir nur eine. Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Die weltweite Umweltzerstörung, Ressourcenabbau und Klimawandel schreiten voran. Die Bilder verplastikten Meere und Ozeane sprechen eine Sprache für sich. Umso erstaunlicher ist es, wie die Menschheit mit der Natur und auch den Ressourcen umgeht. Wirtschaftliche Interessen werden vor Nachhaltigkeit gestellt. Dies ist umso erstaunlicher, da auch die Wirtschaft von der Natur abhängig ist. Dieser Beitrag soll der Start einer kleinen Serie zum Themenkreis Umweltpsychologie sein.

Der ökologische Kollaps kommt bestimmt

Bereits die Club of Rome– Mitglieder Donella und Dennis Meadows und Autoren des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ (bzw. der entsprechenden Studie) warnten die Welt bereits 1972 vor dem ökologischen Kollaps der Zukunft. Trotz dieser vor bald 50 Jahren erschienenen Zukunftsprognose waren die Anstrengungen zur Vermeidung des ökologischen Kollapses eher mäßig. Trotz des düsteren Szenarios ging die Ausbeutung der Naturressourcen und die verschwenderische Produktions- und Konsumgesellschaft weiter.

„Erst wenn der letzte Baum gerodet,
der letzte Fluss vergiftet,
der letzte Fisch gefangen ist,
werdet Ihr merken,
dass man Geld nicht essen kann.“

(indianische Weissagung)

Ich male ungern schwarz. Dennoch ist ein wenig Realismus in der Klimafrage unersetzlich. Der bekannte Schweizer Soziologe Hartmut Rosa postulierte vor knapp über einem Jahrzehnt das „Modell der sozialen Beschleunigung„. Ich möchte nun nicht ins Detail gehen. Er begründet seine Theorie sehr umfangreich und schlüssig. Seine Thesen lassen sich bestens in unserem Alltag und der gesellschaftlichen Entwicklung beobachten. Jedenfalls stellt er die grundlegende These auf, dass wir uns in einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen System bewegen, in welcher eine Entschleunigung ohne Kollaps gar nicht möglich ist.

Hoffnungsschimmer: Neue soziale Bewegungen

Als einzigen Hoffnungsschimmer sieht er sich selbst entwickelnde soziale Untergruppen, welche sich aus dem Mainstream heraus entwickeln, da sich diese vom bisherige System distanzieren. Sie pflegen auch ihren eigenen Lebensstil und Lebenskultur. Hartmut Rosa spricht von kleinen Subgruppen. Ich gehe einen Schritt weiter: Um wirklich eine grundlegende Veränderung der aktuellen Klima- und Umweltzerstörung herbeizurufen MUSS sich eine der Subgruppen zu einer riesigen globalen Bewegung entwickeln.

Die Erde versinkt
Versinkt die Erde im ökologischen Kollaps oder ist die Welt noch zu retten? Ändern muss sich etwas, vor allem in den Köpfen der industriellen Entscheidungsträger sowie auch der Konsumenten selbst!

Die aktuelle Bewegung #fridaysforfuture hätte eine kleine Chance etwas zu verändern. Fridays For Future, eine mittlerweile globale SchülerInnenbewegung, wird inspiriert durch die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg. Ihre Argumente und Reden zielen genau auf jenen wunden Punkt ab, weshalb die Menschheit bzw. die Wirtschaftselite und politischen Entscheidungsträger bisher gescheitert sind.

Die Bewegung hat das Potential eine hohe Eigendynamik zu entwickeln. Ein Grund mehr, weshalb die SchülerInnenbewegung als auch Greta Thunberg selbst massenhaft angefeindet und denunziert werden. Wirtschaftseliten erledigen das nicht selbst. Sie beauftragen damit offensichtlich einzelne Politiker, welche die Dynamik der Bewegung unterbinden sollen. Welchen Beitrag kann hier die Umweltpsychologie liefern?

Ansätze der Umweltpsychologie: Wieso so tatenlos?

Ich werde in diesem Artikel nicht die komplette Psyche des Menschen in Bezug auf Umweltschutzfragen sezieren. Dieser Artikel soll der Start einer Umweltpsychologie-Serie sein und auch Fragen der Konsumpsychologie klären, da ich diese als sehr wesentlich erachte. Gastautoren sind herzlichst eingeladen ihren Beitrag zu leisten.

Dieser Artikel soll erste grundlegende Erklärungen für das anti-Umweltverhalten des Menschen bringen. Der meiner Meinung nach wichtigste psychologische Ansatz ist der Ansatz der kognitiven Dissonanz. Dieser folgt jetzt:

Wieso tun die Menschen so wenig gegen den Klimawandel, obwohl mittlerweile klar ist, dass der Erde sonst der ökologische Kollaps droht?

Wie lässt sich diese Frage aus Sicht der Umweltpsychologie beantworten? Die Erklärung dafür ist einfach, die Lösung hingegen schwierig. Der Mensch neigt generell dazu seinen Selbstwert zu schützen und zu erhöhen. Der Selbstwert ist ein zentraler psychischer Faktor, welcher unser emotionales Erleben, Denken und auch Verhalten beeinflusst. Menschen mit einem minimalen Selbstwert neigen traurigerweise zum Suizid. Menschen mit einem immens hohen Selbstwert neigen hingegen zur Selbstüberschätzung oder Überheblichkeit. Manche davon sind sogenannte Narzissten, vor allem dann, wenn diese ihren Selbstwert aus der Erniedrigung anderer Menschen erhalten.

Da der Mensch seinen Selbstwert um jeden Preis schützen möchte, möchte er auch in vielen Dingen Recht haben und sich in seinem Handeln wohl fühlen. Das heißt auch wenn er nicht Recht hat, tut er sich sehr schwer dies zuzugeben. Und bevor der (psychisch unreife) Mensch zugibt, dass er im Unrecht ist, erfindet er „Fakten“, verbreitet Lügen oder wechselt das Thema. Darüber hinaus werden diese Menschen im Gespräch bzw. in der Diskussion auch (verbal) aggressiv, vergreifen sich im Ton unter der Gürtellinie und beginnen zu schimpfen und zu beleidigen. Traurig aber wahr.

Umweltpsychologie: Kognitive Dissonanz als Erklärungsansatz

Dieses Phänomen der menschlichen Unzulänglichkeit der Wahrheit ins Auge zu blicken bezeichnet der Psychologe Leon Festinger als kognitive Dissonanz. Ein hochspannendes psychisches Phänomen, welches im Alltag laufend zu beobachten ist. Es betrifft ALLE von uns, vor allem auch in Umwelt- und Klimawandelfragen. Das Modell der kognitiven Dissonanz erweist sich somit auch als gutes Modell in der Umweltpsychologie.

Wenn jemand alle Fakten zum Klimawandel kennt und zum Schluss kommt: „Wir steuern auf den ökologischen Kollaps zu!„. Dann besteht die Gefahr das Klimaproblem zu verdrängen. Vor allem dann, wenn der Klimawandel und der ökologische Kollaps nicht in das Bild der persönlichen Lebensführung passt, wird beides geleugnet. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn jemand einen äußerst klimaschädlichen Lebensstil führt und nicht bereit ist seinen Lebensstil zu ändern. Die industriellen Verursacher des Klimawandels sind ebenfalls einem sehr hohen Risiko ausgesetzt, den Fakten aggressiv und entwürdigend zu begegnen. Die kognitive Dissonanz lässt grüßen – die Wahrheit über SICH SELBST tut halt weh! Das war schon immer so und wird immer so sein – das gilt auch für die Reichen und Mächtigen der Welt.

Quellen:

Donella H. Meadows, Jørgen Randers & William W.  (1972) Behrens III: The Limits to Growth. Universe Books. ISBN 0-87663-165-0

Rosa, H. (2003). Social Acceleration: Ethical and political consequences of a desynchronized high- speed society. Constellations, 10, 3-33.

Festinger, L. (2012). Theorie der Kognitiven Dissonanz (2. Auflage). ISBN: 978-3-456-85148-8

Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

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