Der Stress als Wachstumsmotor: Ist Stress tatsächlich so schlecht wie wir glauben?

Der Begriff Stress wird alltäglich in einem eher negativen Zusammenhang verwendet. Kein Wunder, so benutzt doch kaum jemand die Phrase: „Juhu, ich bin gestresst!“. Doch ist Stress in der Arbeit oder im Sport tatsächlich immer so schlecht wie er kulturell und medial dargestellt wird? Vielmehr kann Stress unter bestimmten Rahmenbedingungen auch durchaus seine positive Wirkung entfalten. Er kann als belastendes Hindernis und Energieräuber oder auch als Voraussetzung zur persönlichen Weiterentwicklung betrachtet werden.

 

So manche Experten würden jetzt sagen: „Ja, das ist ja nichts anderes als EU-Stress oder DIS-Stress!“. Doch die aktuelle Stressforschung [1, 2]hat sich weiterentwickelt. Ob du Stress als negativ oder positiv erlebst hängt vor allem von deiner persönlichen Bewertung ab. Wobei bestimmte Voraussetzungen durchaus stark beeinflussen, wie deine Bewertung ausfällt. So können stressvolle Situationen zum einen als belastendes Hindernis („Hindrance“) mit gesundheitlichen Langzeitfolgen werden. Und zum Anderen können sie auch als Herausforderung („Challenge“) und Chance zu persönlichem Wachstum betrachtet werden. Wovon dies abhängt beschreibe ich dir folgend.

 

Stress als Herausforderung

Du strebst nach Wachstum und verfolgst persönliche Ziele? Wenn du gerne Verantwortung übernimmst, als Persönlichkeit wachsen möchtest oder Aufgaben bewältigen möchtest, die dir die Möglichkeit geben Neues hinzuzulernen, dann kann Stress für dich eine Chance sein. Zu herausfordernden Stressoren zählen unter anderem:

  • Hohes Arbeitsvolumen
  • Zeitdruck
  • Handlungsspielraum
  • hohe Verantwortung

Wenn du also verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen darfst, und diese unter Zeitdruck erledigen musst, so ist dies für dich eine Chance um an der Aufgabe zu wachsen. Wichtig dabei ist, dass dir auch die Mittel (Handlungsspielraum) zur Verfügung steht, um diese auch bewältigen zu können. Aufgaben unter Zeitdruck können dich zu Höchstleistungen antreiben, wenn du diese als Herausforderung ansiehst – denn dann wirst du auch bereit deine Anstrengung so weit zu erhöhen um die bevorstehende Deadline der Projektabgabe zeitgerecht zu erfüllen.

 

Stress als belastendes Hindernis

Doch nicht immer ist ein Job oder eine Aufgabe eine tolle Möglichkeit zur Selbstentfaltung. Vor allem dann wenn du erkennst, dass die Rahmenbedingungen im Unternehmen deine Hoffnungen und Entwicklungsmöglichkeiten bremsen oder ganz blockieren. Wenn du dann erkennst, dass es sich für dich persönlich gar nicht lohnt, die Deadline „für den Chef“ unter höchster Anstrengung zu erfüllen, dann kann dies deine intrinsische Motivation empfindlich zerstören. Die Forschungsgruppe um LePine (2005) nennen folgende Bedingungen [1] als besonders belastend/karrierehinderlich:

  • Unternehmenspolitik: Wenn du zum Beispiel tolle Projekte planst und durchführst die dem Unternehmen einen großen Gewinn bescheren und deine besondere Mehrleistung im Unternehmen nicht honoriert wird, dann ist das auch eine Frage der Führungs- bzw. Unternehmenspolitik. Man freut sich zwar, dass du so tolle Arbeit leistest (Stichwort: „Lohnsöldner“), aber die Lorbeeren bekommen Andere. Vor allem die hierbei erlebte „Ungerechtigkeit“ kann hier als Stressor wirken, wenn du die „mentalen Kosten“ für die Mehrleistung selbst trägst.
  • Bürokratie und „Papierkrieg“ : Das ist mehr oder weniger selbsterklärend. Die ständige Erledigung von Routinetätigkeiten oder Aufgaben deren Erledigung keinen Mehrwert für deine Weiterentwicklung bringen.
  • Rollenambiguität: d.h. deine Rolle ist unklar definiert oder unausgesprochen. Dies kann insofern kritisch werden, wenn von dir viel Verantwortung und Führung verlangt wird (was auf den ersten Blick auch als Challenge gesehen werden könnte), du aber keine offizielle Führungsrolle zugesprochen bekommst.
  • Besorgtheit über die Jobsicherheit: Hierbei spielt nicht nur die allgemeine Wirtschaftlage des Staates oder des Unternehmens eine Rolle, sondern vor allem auch wie sicher DEIN Job ist. Darfst du Kritik äußern oder musst du um deinen Arbeitsplatz fürchten, wenn du nicht konform mit der Linie deiner Vorgesetzten bist? Und wie sieht es aus, wenn du aus privaten oder medizinischen Gründen ein Leistungstief hast? Wie gehen deine Vorgesetzten damit um und welches Arbeitsklima gestalten diese?

 

„Job Design“ als Chance zu Höchstleistungen

Job Design IllustrationWie man sieht, hängt das Erleben einer Stresssituation von verschiedenen Grundbedingungen ab. Bei entsprechender Gestaltung der Arbeitsbedingungen auf der Ebene der Arbeitsaufgaben als auch der Unternehmenskultur können die Mitarbeiter stressige Phasen als große Herausforderung sehen und sind dann auch zu Höchstleistungen bereit.

 

Nachhaltiges Stressmanagement ist auch Verantwortung der Manager

Die Empfehlung für die Praxis ist daher der Abbau von hinderlichen Stressfaktoren und die Gestaltung einer HERAUSFORDERNDEN Tätigkeit. Da auch bei herausfordernden Stresssituationen zu bedenken ist, dass Anstrengungen nicht nur körperliche, sondern auch mentale Energie einfordern, sollten Manager auch Maßnahmen zur allgemeinen Reduzierung von körperlichen und psychischen Stress im Unternehmen implementieren. Neben Klassikern einer sinnvollen Pausengestaltung sind für die MitarbeiterInnnen auch folgende Maßnahmen durch die Führungskräfte zu empfehlen:

  • Erlaubnis für kurze körperliche Übungen zwischendurch
  • Möglichkeit sich auszustempeln um Sport zu treiben
  • Socializing in der Arbeitszeit als Teil der Unternehmenskultur
  • Persönlichkeitstrainings zur Steigerung der Selbstwirksamkeit als Fortbildung für die ArbeitnehmerInnen
  • Neubewertungstraining der Arbeitsaufgaben als Fortbildung für die ArbeitnehmerInnen

 

Fazit:

Zusammengefasst lässt sich klar sagen, dass Stress nicht zwingend etwas Negatives ist. Wie dieser Beitrag auf Grundlage der Stressforschung im Arbeitskontext zeigt, ist das Stresserleben der MitarbeiterInnen keinesfalls nur auf die Persönlichkeit der MitarbeiterInnen zurückzuführen. Vielmehr führt die Wahrnehmung unterschiedlicher Faktoren zu einem differenzierten Stresserleben.

Die Grundlagen arbeitspsychologischer Aufgabengestaltung ist definitiv ein Mehrwert für Führungskräfte. Folgend können auch die MitarbeiterInnen und das gesamte Unternehmen davon profitieren. Denn erst wenn die MitarbeiterInnen ihren Job als Herausforderung erfahren, dann wird auch der Arbeitsstress als Bereicherung und Wachstumsmöglichkeit erlebt.

 

Was Führungskräfte bei der Arbeitsgestaltung zugunsten eines „positiven Stresserlebens“ beachten sollten und wie sie dies im Unternehmen umsetzen, können diese in den Seminaren von Mental Synergy erfahren.

 

 

Verwendete Literatur:

[1] LEPINE, J. PODSAKOFF, N. & LEPINE, M. (2005). A META-ANALYTIC TEST OF THE CHALLENGE STRESSOR–HINDRANCE STRESSOR FRAMEWORK: AN EXPLANATION FOR INCONSISTENT RELATIONSHIPS AMONG STRESSORS AND PERFORMANCE. Academy Of Management Journal, 48(5), 764-775.

[2] Mackey, J. & Perrewe, P. (2014). The AAA (appraisals, attributions, adaptation) model of job stress: The critical role of self-regulation. Organizational Psychology Review, 4(3), 258-278.

 

 

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Mario Schuster

Mario Schuster ist Sportwissenschafter und zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Aktuell schreibt er seine Masterarbeit in Psychologie und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

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