Vor den Vorsätzen: Zuerst ist es wichtig richtig zurückzublicken!

Wenn das alte Jahr endet, beginnt das neue Jahr. Logisch! Mit diesem harten Schnitt zu Silvester beginnen träumende Menschen plötzlich sich neue vielversprechende Vorsätze für das neue Jahr aufzulisten. An und für sich sind Neujahrsvorsätze ja nichts negatives, solange die Vorsätze und Zielsetzungen auch realistisch und strategisch clever gesetzt werden. Doch an dieser Stelle geht meiner Erfahrung nach auch enormes Potential der Persönlichkeitsentwicklung und der Auffrischung von mentalen Ressourcen verloren. Deshalb widmet sich dieser Artikel einer Anleitung das vergangene Jahr würdevoll und mental stärkend abzuschließen.

Weshalb es ein Fehler ist sich gleich den Neujahrsvorsätzen zu widmen

Und täglich grüßt das Murmeltier! Es scheint eine gesellschaftliche Tradition zu sein sich am Silvesterabend – spätestens wenn das Feuerwerk den Himmel bunt erhellt – Vorsätze für das neue Jahr zu nehmen. Beispiele dafür sind sich gesund zu ernähren, Sport treiben, Körpergewicht abnehmen, mit dem Rauchen aufhören oder klimaneutral zu leben sowie einfach Geld sparen.

Was du bei Neujahrsvorsätzen falsch machen kannst und wie du Neujahrsvorsätze richtig festlegst, habe ich bereits in einem Gastartikel auf der Fitnessplattform 4yourFitness ausführlich, inkl. Bonustipps, erörtert:

Gute Vorsätze in 5 simplen Schritten endlich einhalten

Doch im aktuellen Beitrag geht es wie bereits erwähnt weniger um die Vorsätze für das neue Jahr, sondern vielmehr um das Potential deines vergangenen Jahres. Egal ob es sich hierbei um Rückschläge oder Erfolge handelt. Meine Analyse zum Thema und Vorschläge zum Erkenntnisgewinn geschehen im Spannungsfeld zwischen Scheitern und Erfolg. Und ausgerechnet wenn man sich gut gemeinte Vorsätze vornimmt, bewegt man sich häufig auf dem Glatteis des Scheiterns. Dazu möchte ich zunächst darauf eingehen, wieso ein Rückblick wertvoll ist und weshalb es sich lohnt neben den Erfolgen auch auf Momente des Scheiterns und nicht erreicht Vorsätze zu blicken. Im Idealfall: Schonungslos.

Rückblick: Wozu soll ich das vergangene Jahr reflektieren, wenn es doch bereits Vergangenheit ist?

Wir Menschen ticken sehr unterschiedlich. Vor allem was die Bewertung von Ereignissen – egal ob erfreulich oder unerfreulich – angeht. Wenn du ein Lebensereignis oder unerreichte Ziele negativ bewertest, ist es von Vorteil genauer hinzuschauen, anstatt das Vergangene zu verdrängen. Es wäre ja einfach zu sagen: „Warum sollte ich über etwas nachdenken, was schon vorbei ist, ich kann ja eh nichts mehr daran ändern?„.

Lehren aus dem Wettkampfsport: Präsenz vs. schonungslose Analysen

In einem laufenden sportlichen Wettkampf mag es schon entscheidend sein, Fehler rasch abzuhaken und sich mental auf den Moment zu fokussieren. Kein Platz für störende Gedanken! Doch auch professionelle SportlerInnen setzen sich nach misslungenen Wettkämpfen mit dem Vergangenen auseinander. Sie analysieren den kompletten Wettkampf von vorne nach hinten im Detail durch. Einige analysieren sogar die Vorbereitung. Wozu denn, wenn der Wettkampf schon vorbei ist? Die Antwort ist mir glasklar: Um aus den eigenen Fehlern und im Idealfall auch vom Gegner zu lernen.

„Ausgerechnet wenn es sich um unangenehme Spielmomente handelt, hilft ein schonungsloser Blick darauf, da darin viel Potential zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit und der eigenen Fähigkeiten liegt!“

(Mario Schuster, Mentaltrainer)

Um eine Analyse auf ein noch professionelleres Niveau zu heben ist es neben der Analyse von einfachen Fehlern auch wichtig sich mit schweren Niederlagen und dem eigenen Scheitern auseinanderzusetzen. Wichtig dabei ist auch, dass der Fokus bei der Analyse nicht ausschließlich auf dem Negativen liegt. Es geht auch nicht darum ewig über ein Thema zu reden. Doch es zu Verdrängen kann zu einem Rückschlagsreplay führen.

Das Bewusstsein über das Gelingen stärkt deine Selbstwirksamkeit

Es ist durchaus zielführend die Momente des Gelingens und auch kleinste Erfolge – auch bei Rückschlägen – hervorzuheben. Vor allem die Fokussierung auf das Positive fließt in dein Selbstbild ein und wird dich mental stärken. Denn das Bewusstsein über die eigenen Stärken und dem Wissen etwas Herausforderndes geschafft zu haben steigert deine Selbstwirksamkeit. Dies nimmt keine bloße Nebenrolle ein!

Denn die Selbstwirksamkeit ist ein zentraler psychologischer Wirkfaktor, welcher einen großen Einfluss darauf hat, ob du zukünftige Ziele auch bei Rückschlägen konsequent verfolgen wirst.

Ist dir nun klarer, weshalb es wichtig ist, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen um Kraft für Vorsätze des neuen Jahres zu sammeln?

Reflexion des vergangenen Jahres und alter Vorsätze

Doch wie soll diese Vergangenheits-Evaluierung des letzten Jahres nun ablaufen?

Du kannst dies auf verschiedene Arten mit unterschiedlichen Methoden angehen. So kannst du z.B. ganz locker ein Blatt Papier in die Hand nehmen und spontan aufschreiben, was im vergangenen Jahr gut bzw. schlecht gelaufen ist.

Systematisch kannst du auch vorgehen. Das macht Sinn wenn du dir für deine Persönlichkeitsentwicklung auch wirklich Zeit nehmen möchtest. Am besten nimmst du dir dazu deinen Kalender zur Hand und arbeitest dich vom 1. Jänner des vergangenen Jahres bis zum letzten Tag des ablaufenden Jahres durch.

Vorgehensweise

Als Hilfestellung habe ich dir ein paar Orientierungspunkte zur Vorgehensweise zusammengestellt:

  1. Bereite dir dein Notizheft bzw. genügend Schreibmaterialien vor
  2. Schnapp dir deinen Kalender des abgelaufenen Jahres
  3. Gehe die wichtigsten Termine oder Themen in deinem Kalender der Reihe nach durch
  4. Stelle dir das jeweilige Thema gedanklich vor (auch mit geschlossenen Augen sinnvoll)
  5. Versuche dich an weitere wesentliche Ereignisse (Meilensteine bzw. Rückschläge des vergangenen Jahres) zu erinnern, welche nicht im Kalender stehen (oder weil du noch keinen Kalender hast)
  6. Schreibe dir die wichtigsten Erkenntnisse auf Grundlage der folgenden Fragen auf

Leitfragen

Zur Generierung der Erkenntnisse empfehle ich dir folgende Fragen bei den jeweiligen Themen*  durchzugehen:

  1. Wie habe ich die damalige Situation (kann auch nichterreichtes Ziel sein) erlebt?
  2. Was habe damals beim Erreichen / Scheitern gefühlt?
  3. Wie habe ich mich infolge des Erreichens / Scheiterns verhalten?
  4. Was habe ich infolge des Erreichens / Scheiterns in meinem Verhalten oder deiner Einstellung geändert (z.B. aufgehört mich gesund zu ernähren)?
  5. Was habe ich aus meinen Fehlern/Niederlagen/Rückschlägen gelernt?
  6. Welche Herausforderungen habe ich im vergangenen Jahr positiv bewältigt?
  7. Welche Stärken haben mir zu meinen Erfolgen geholfen bzw. welche Schwächen haben zum Scheitern geführt?
  8. Was möchte ich ändern um zukünftige Neujahrsvorsätze (unabhängig davon welche) wahrscheinlicher zu erreichen?

* Tipp: Du kannst dir (neben den Ereignissen des Jahres) auch eine Liste mit deinen Zielen oder Vorhaben für das abgelaufene Jahr aufschreiben und diese anhand der Leitfragen analyiseren.

Nun ran an die Arbeit! Persönlichkeitsentwicklung ist kein passiver Prozess der mit dem Lesen eines Textes abgeschlossen ist. Es ist wirklich sinnvoll sich die Zeit zu nehmen und den Leitfaden inklusive der Leitfragen zur Erkenntnisgenerierung durchzugehen. Denn damit schaffst du ein klareres Bild über deine Fähigkeiten, deine aktuellen Grenzen, schöpfst neue Motivation und eine höhere Wahrscheinlichkeit dir die richtigen Vorsätze oder Ziele für die Zukunft zu setzen.

Nimm dir Zeit!
Nimm dir Zeit für dich!
Jetzt!

Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

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