Das ewige Dilemma mit der Prokrastination: Sechs fundierte Ursachen, warum DU deinen Lernstoff (und alles andere) aufschiebst!

Wie kann es passieren, dass du dir felsenfest etwas vornimmst, und dann letztlich doch aufschiebst? Prokrastination zieht sich durch die gesamte Bevölkerung und der psychologische Fachbegriff für das permanente Aufschieben von beabsichtigten Tätigkeiten. Und dieses scheinbar chronische Aufschieben ist durchaus irrational, weil du dir jedesmal in den Hintern beißen kannst, wenn du deinen Plan doch nicht 1:1 umgesetzt hast. Doch mit diesem Problem stehst du nicht alleine da. Aufzeichnungen über dieses Leid gehen bis 3000 B.C. in die Vergangenheit zurück. Vielleicht sogar noch weiter, hätten unsere Vorfahren frühere Aufzeichnungen nicht aufgeschoben.

 

Es ist einfach irrational: Wieso schieben Menschen Vorhaben, die sie wirklich umsetzen wollen immer wieder auf; auch wenn diese an wichtige Ziele gekoppelt sind? An „Prokrastination“ (irrationales Aufschieben von geplanten Aufgaben, Tätigkeiten, Vorhaben oder Entscheidungen) leiden ca. 80-90% der StudentInnen. Die Einen mehr, die Anderen weniger. Und dies hat unterschiedliche Ursachen. Eine Metaanalyse von Steel aus mehreren hunderten Studien durchforstete die Prokrastinationsforschung (der letzten 5000 Jahre) und konnte einige der wesentlichen psychologischen Ursachen identifizieren.

Aus gesellschaftspolitischer Perspektive steigt das Ausmaß von Prokrastination in einer höher entwickelten, beschleunigten Gesellschaftsstruktur. Dies liegt am zunehmenden wirtschaftlichen Druck, dem Druck neuer technischer und prozessorientierter Innovationen, sowie dem individuellen Bedürfnis in immer kürzerer Zeit immer mehr zu erleben. Dies führt zu einer Verkürzung von Deadlineintervallen und folgend zum Risiko des Aufschiebens. Doch sehen wir uns mal an, was diese Prokrastination ist und was sie aus psychologischer Sicht verursacht:

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Prokrastination ist wie eine KRANKHEIT und es gibt keine (einfachen) HEILMITTEL dagegen. Dennoch gibt es Mittel und Wege diesem Phänomen Herr zu werden. Es betrifft jedoch nicht nur den verhassten Lernstoff oder furchteinflößende Prüfungen. Es betrifft auch politische Entscheidungen, den nächsten Steuerausgleich (die Folgen sind finanzielle Verluste durch Hektik und Schlamperei), durchgreifenden Maßnahmen gegen den Klimawandel (nein, das ist jetzt kein Diskussionsthema ;)) oder einfach deinen Weihnachtseinkäufen (Was hast du dir letzes Weihnachten vorgenommen, wann du heuer die Geschenke besorgst?), und so weiter.

 

Wenn in diesem Beitrag von „Aufgaben“ die Rede ist, meine ich natürlich Aufgaben, den Lernstoff, Prüfungen, Rechenaufgaben oder auch das Schreiben von Seminararbeiten.

Was sagt die Prokastinationsforschung zu deiner ständigen Aufschieberei? Nach langem Durchringen, unzähligen Überwindungen und Aufschiebungen habe ich es geschafft mich durch DIE 30-seitige Metaanalyse zu quälen um die Ursachen und Hintergründe besser zu begreifen. Folgend habe ich die sechs wesentlichsten Aspekte herausgearbeitet und für DICH aufbereitet:

 

1) Du bist zu optimistisch

Extremer Optimums kann dazu führen, dass du deine Aufgabe, den Lernstoff oder deine Seminararbeit aufschiebst. Hintergrund dieses Aufschubs ist, dass du deine Fähigkeiten so hoch einschätzt, dass DU sowieso „in der letzten Minute“ deine Seminararbeit schreiben kannst oder den ganzen Prüfungsstoff an einem Abend in dein Hirn quetschen kannst. Du bist nämlich ein „bemerkenswertes Wunderkind“. Die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten ist im Übringen kein unbekannter psychologischer Verzerrungsmechanismus.

2) Du suchst den Deadline-Kick

aufschieberitis-bis-zum-bitteren-ende-pbEine kuriose Form der Prokastination leben „sensation-seeker“. Wenn du nun ein sensation-seeker bist, dann wirst du durch überbordende Langeweile oder aus einer Übererregung heraus deine Lernpläne verschieben – und zwar aus folgendem Grund: Wenn die Deadline naht und nur noch wenig Zeit ist, um für die Prüfung zu lernen oder die Seminararbeit abzugeben, dann gibt dir dieser Druck den „zusätzlichen Kick„. Wenn dir diese „Lernspannung“ einen Kick gibt, dann wirst du beim nächsten Mal erneut dazu neigen, das „diesmal beginn ich früher“ erneut nach hinten verschieben.

 

3) Der Lernstoff ist „blöd“

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Ein Lernstoff, statistische Analysen oder eine Seminararbeiten, welche für dich uninteressant sind bzw. deren Bewältigung als zu schwer wahrgenommen wird, führt zu einer Abneigung gegen die Aufgabe (engl. task aversiveness). Dadurch wird die anstehende Aufgabe nicht nur verschoben, sondern oft auch als „blöd“ empfunden. Der Wert der Aufgabe bzw. Lernstoffs wird dadurch abgewertet und infolgedessen wird die Aufschiebungstendenz verstärkt.

Nicht immer liegt es rein an deinen tatsächlichen Fähigkeiten, dass die Aufgabe als zu schwer wahrgenommen wird. So kann ein fehlender Glaube an die eigenen Fähigkeiten (Selbstwirksamkeit) dazu führen, dass die Herausforderung schon gar nicht in Angriff genommen wird, weil du´s „ja sowieso nicht schaffen wirst„. Die Wahrscheinlichkeit für die gelebte Prokrastination steigt somit an. Eine Möglichkeit dieses Problem zu umgehen, ist ein Aufteilen der Lernblöcke in kleinere Arbeitspakete oder auch ein lernen der Grundlagen, dessen Verständnis die Schwierigkeit der Aufgabe folgend leichter erscheinen lässt. Unabhängig davon kann ich jedem raten seine Selbstwirksamkeit zu trainieren. Denn eine hohe Selbstwirksamkeit geht nicht nur mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit von Prokrastination einher, sondern hat auch sehr viele andere mentale Vorteile.

 

4)Die Verführung des Alltags

sanduhr-katze-pbDas darf natürlich nicht fehlen: Deine Versuchungen sind auch ein wesentlicher Grund um das Statistiklernen oder sonstwas aufzuschieben. Egal ob Socializing, Serienstreaming, Musik hören und spielen, Videogames oder Facebook/Instagramm/Snapchat/Twitter. Wenn es dir mehr Spaß macht oder andere Bedürfnisse unmittelbar stillt, dann kann es banalerweise sehr rasch dazu führen, dass die Skripten oder Powerpoint geschlossen bleiben. Wenn du ein impulsiver Mensch bist wird das Nachgeben deiner Versuchungen noch weiter verstärkt. Dieses Verhalten kann folgend auch kritisch werden und eine Sucht herbeiführen; die Prokrastination kann dann auch chronisch werden. Eine Ausarbeitung mentaler Strategien zur Suchtvermeidung und eine Stärkung deiner Willenskraft ist hierbei anzuraten, falls du doch lieber deine Ziele konsequent verfolgen möchtest.

 

5) Gewissenhaftigkeitdesktop-arbeit-liegenlassen-pb

Die Metanalyse über die Prokrastination aus mehreren hunderten von Studien offenbarte die Gewissenhaftigkeit im Sinne eines Pflichtbewusstseins als stärksten Faktor, ob Aufgaben aufgeschoben werden oder nicht. Als starker Anteil des Pflichtbewusstseins erweist sich dabei das eigene Verantwortungsgefühl. Also die Übernahme von Selbstverantwortung ist demnach ein Weg um deine Ziele konsequenter verfolgen zu können und Prokrastination gar nicht zum Thema werden zu lassen. Nicht immer ist „Mathe“ oder der Professor schuld. Frage dich jetzt: Was solltest du in diesem Moment eigentlich tun? (Blog lesen natürlich 😀 )

 

6) Fehlende mentale Energie

ProkrastinationEiner der Hauptursachen der Prokrastination ist ein Versagen der Selbstregulation. Dies ist auch auf eine fehlende mentale Energie (im Sinne der SELBST-Erschöpfung) zurückzuführen. Diese Willensabschwächung führt dazu, dass deine Selbstdisziplin flöten geht und du rascher deinen Versuchungen des Alltags nachgehst. Selbstregulation bzw. Willenskraft ist auch ganz wesentlich für akademischen, privaten und beruflichen Erfolg (Artikel dazu). Über diese bedeutsame Willensenergie habe ich bereits mehrere Artikel in diesem Blog verfasst. Unter Anderem findest du auf der Plattform Mental-Blog zahlreiche Informationen über Willensenergieräuber sowie Tipps & Tricks wie du deine Willenskraft stärken kannst. Einfach die Beiträge lesen – denn diese sind mittlerweile eh auch gut verlinkt. 😉

 

Meine Masterarbeit über Prokrastination

Im Rahmen meines Masterstudiums in Psychologie habe ich meine Masterarbeit über Prokrastination im Arbeitskontext untersucht. Konkret habe ich im Rahmen einer mehrwöchigen Online-Tagebuchstudie geprüft wie unterschiedliche psychologische Faktoren tagesübergreifend mit dem Aufschiebeverhalten bei WissensarbeiterInnen und Büroangestellten interagieren. Eine Zusammenfassung der Masterarbeit werde ich in Kürze auf Mental Blog veröffentlichen.

 

Und? Hast du dich in einem dieser Punkte wiedererkannt? Falls ja, so freue ich mich über deine Meinung und Erfahrungen zu diesem Thema im Kommentarfeld. Und denk dran: Nicht aufschieben, gleich sofort erledigen!

 

Verwendete Literatur

Rosa, H. (2003). Social Acceleration: Ethical and political consequences of a desynchronized high- speed society. Constellations, 10, 3-33.

Steel, P. (2007). The nature of procrastination: A meta-analytic and theoretical review of quintessential self-regulatory failure. Psychological Bulletin, 133(1), 65-94.

Steel, D. & Neubauer, D. (2011). Der Zauderberg: Warum wir immer alles auf morgen verschieben und wie wir damit aufhören. Zürich: Bastei Entertainment.

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Mario Schuster

Mario Schuster ist Arbeits- und Sportpsychologe sowie zertifizierter Mentaltrainer im Leistungssport. Zudem ist er ein praxiserfahrener Sportwissenschafter und hat am 1.Jänner 2017 das Unternehmen Mental Synergy gegründet. Mit diesem hat er sich zum Ziel gesetzt, das Training mentaler Kompetenzen in Sport und Wirtschaft zu etablieren.

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